Navid Kermani

geboren am 27. November 1967

deutsch-iranischer Schriftsteller und Publizist, der zahlreiche Preise und Auszeichnungen wie den Friedenspreis des deutschen Buchhandels (2015) erhalten hat

Foto: Halim Dogan


Navid Kermani, dessen Eltern 1959 aus dem Iran in die Bundesrepublik einwanderten, wurde am 27. November 1967 in Siegen geboren. Er ist der vierte Sohn der Familie, sowohl sein Vater als auch seine drei Brüder sind praktizierende Ärzte. Navid Kermani schlug jedoch eine andere Laufbahn ein: Er ist Schriftsteller, Publizist und Orientalist, der mit zahlreichen Kultur- und Literaturpreisen – so 2015 auch mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels – ausgezeichnet wurde.

Bereits als Schüler arbeitete Kermani als freier Mitarbeiter für die „Westfälische Rundschau“, schrieb während seines Studiums dann für überregionale deutsche Zeitungen: Zwischen 1996 und 2000 war er fester Autor im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Kermani studierte Orientalistik, Philosophie und Theaterwissenschaften in Köln, Kairo und Bonn. 1998 wurde er im Fach Orientalistik an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität in Bonn promoviert, 2006 folgte seine Habilitation. Heute lebt er als freier Schriftsteller in Köln.

Kermani setzt sich nicht nur literarisch mit gesellschaftlich relevanten und aktuellen Fragestellungen auseinander, sondern bezieht auch in Reden und öffentlichen Auftritten deutlich Stellung, wird zu einer Art ‚moralischer Instanz‘. Bekannt wurde er so unter anderem als Reporter aus Krisengebieten, wie 2014 aus dem Irak. Ein Jahr später reiste er auf der sogenannten Balkanroute, einer Hauptflüchtlingsroute. Am Ende dieser Reise entstand eine Reportage, die sich Flüchtlingsschicksalen widmet: Sie gibt Menschen, die sich auf der Flucht befinden, eine Stimme und reflektiert zugleich die Rolle Europas in dieser Krise kritisch.

Wohl am bekanntesten ist Navid Kermanis Rede zur Feierstunde „65 Jahre Grundgesetz“ am 23. Mai 2014. An diesem Tag erinnerte der Deutsche Bundestag an die Verkündung des Grundgesetzes am 23. Mai 1949. In seiner Festrede würdigte er die Bedeutung des Grundgesetzes, das in der Nachkriegszeit „Wirklichkeit geschaffen“ habe. Er lobte die Bundesrepublik Deutschland für ihre Integrationsbereitschaft, kritisierte zugleich jedoch auch die Einschränkungen des Asylrechts aus dem Jahr 1993. So sagte er in Bezug auf Artikel 16a des Grundgesetzes: „Auch heute gibt es Menschen, viele Menschen, die auf die Offenheit anderer, demokratischer Länder existentiell angewiesen sind. […] Andere ertrinken im Mittelmeer – jährlich mehrere Tausend […]. Deutschland muss nicht alle Mühseligen und Beladenen der Welt aufnehmen; aber es hat genügend Ressourcen, politisch Verfolgte zu schützen, statt die Verantwortung auf die sogenannten Drittstaaten abzuwälzen.“

2015 erhielt Navid Kermani den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. In der Begründung heißt es: „Der deutsche Schriftsteller, Orientalist und Essayist ist eine der wichtigsten Stimmen in unserer Gesellschaft, die sich mehr denn je den Erfahrungswelten von Menschen unterschiedlichster nationaler und religiöser Herkunft stellen muss, um ein friedliches, an den Menschenrechten orientiertes Zusammenleben zu ermöglichen.“

Gerade aufgrund seines Einsatzes für eine offene europäische Gesellschaft, die auf der Achtung der Menschenrechte und einem demokratischen Zusammenleben fußt, gilt Navid Kermani als „Streiter für Demokratie“. So regt er die kritische Auseinandersetzung über Akzeptanz, Toleranz und Freiheit an, indem er alle Menschen mit ihren unterschiedlichen Biografien in den Blick nimmt.



Literaturhinweise

Kermani, Navid: Der Einbruch der Wirklichkeit, in Der Spiegel 42/2015, <URL: https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-139226803.html> [aufgerufen am 11.05.2020].

Kermani, Navid: Morgen ist da, C.H.Beck, München ³2020.

Kommentare sind geschlossen.