{"id":5808,"date":"2023-02-06T16:37:07","date_gmt":"2023-02-06T15:37:07","guid":{"rendered":"https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/?page_id=5808"},"modified":"2023-02-07T14:30:07","modified_gmt":"2023-02-07T13:30:07","slug":"im-gespraech-mit-dr-felix-klein","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/index.php\/projekte-ausstellungen\/projekte\/das-hde-im-gespraech-mit\/im-gespraech-mit-dr-felix-klein\/","title":{"rendered":"Im Gespr\u00e4ch mit \u2026 dem Beauftragten der Bundesregierung f\u00fcr j\u00fcdisches Leben in Deutschland und den Kampf gegen Antisemitismus Dr. Felix Klein"},"content":{"rendered":"\n<p><br>Dr. Felix Klein ist seit 2018 der Beauftragte der Bundesregierung f\u00fcr j\u00fcdisches Leben in Deutschland und den Kampf gegen Antisemitismus. Mit ihm sprachen wir u. a. \u00fcber die Bedeutung der sogen. SchUM-St\u00e4tten in Rheinland-Pfalz f\u00fcr die j\u00fcdische Kultur und Tradition, die Rolle einer lebendigen Erinnerungskultur und insbesondere der Bildung im Kampf gegen Antisemitismus heute.<\/p>\n\n\n\n<br>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Interview: Hans Berkessel, Dr. Cornelia Dold, Henrik Drechsler | 11. Januar 2023<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-media-text alignwide is-stacked-on-mobile has-background has-very-light-gray-background-color\" style=\"grid-template-columns:33% auto\"><figure class=\"wp-block-media-text__media\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"767\" src=\"https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Portrait-BA-Dr.-Felix-Klein-1-1024x767.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5811 size-full\" srcset=\"https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Portrait-BA-Dr.-Felix-Klein-1-1024x767.jpg 1024w, https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Portrait-BA-Dr.-Felix-Klein-1-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Portrait-BA-Dr.-Felix-Klein-1-768x576.jpg 768w, https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Portrait-BA-Dr.-Felix-Klein-1-1536x1151.jpg 1536w, https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Portrait-BA-Dr.-Felix-Klein-1-2048x1535.jpg 2048w, https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Portrait-BA-Dr.-Felix-Klein-1-150x112.jpg 150w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure><div class=\"wp-block-media-text__content\">\n<p class=\"has-very-light-gray-background-color has-background has-normal-font-size\"><strong>Zur Person<br><\/strong>Dr. Felix Klein studierte Rechtswissenschaften in Freiburg, Berlin und London und absolvierte die Ausbildung f\u00fcr den h\u00f6heren Ausw\u00e4rtigen Dienst in Bonn. An der Universit\u00e4t St. Gallen promovierte er 2001. Er war L\u00e4nderreferent f\u00fcr S\u00fcdamerika, auf Auslandsstationen in Jaunde\/Kamerun und Mailand sowie von 2007 bis 2018 in mehreren Funktionen im Ausw\u00e4rtigen Amt in Berlin, zuletzt als Sonderbeauftragter f\u00fcr Beziehungen zu j\u00fcdischen Organisationen und Antisemitismusfragen t\u00e4tig. Seit 2018 hat er das neugeschaffene Amt des Beauftragten der Bundesregierung f\u00fcr j\u00fcdisches Leben in Deutschland und den Kampf gegen Antisemitismus inne, die dem Bundesministerium des Innern und f\u00fcr Heimat in Berlin zugeordnet ist. <\/p>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<p><sup>Foto: Bundesministerium des Innern und f\u00fcr Heimat<\/sup><\/p>\n\n\n\n<p><br><strong>Wo liegen die Hauptschwerpunkte Ihrer Arbeit und welche Erfahrungen haben Sie in der konkreten praktischen Arbeit gemacht?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Meine Aufgaben sind in einem Bundestagsbeschluss von 2018 festgelegt. Dazu geh\u00f6rt,<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>die Ma\u00dfnahmen der Bundesregierung im Kampf gegen Antisemitismus und f\u00fcr j\u00fcdisches Leben ressort\u00fcbergreifend zu koordinieren.<\/li>\n\n\n\n<li>Ansprechpartner f\u00fcr j\u00fcdische Gruppen und gesellschaftliche Organisationen zu sein, die im Bereich der Antisemitismusbek\u00e4mpfung und in den j\u00fcdischen Gemeinden aktiv sind.<\/li>\n\n\n\n<li>die Gesellschaft f\u00fcr aktuelle und historische Formen des Antisemitismus durch \u00d6ffentlichkeitsarbeit und Veranstaltungen zur politischen Bildung zu sensibilisieren.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>Mit der Einrichtung dieses Amtes k\u00f6nnen wir nun \u00fcber Antisemitismus in seinen verschiedenen Formen besser aufkl\u00e4ren, die Aufmerksamkeit daf\u00fcr sch\u00e4rfen und die bestehenden Ma\u00dfnahmen gegen Antisemitismus auch b\u00fcndeln. Zus\u00e4tzlich sind wir damit nun in der Lage, seitens der Bundesregierung, aber ich hoffe eben auch seitens der Gesellschaft, strategischer mit Antisemitismus umzugehen, losgel\u00f6st von einzelnen Vorf\u00e4llen.<br><br><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wie sieht bei Ihnen ein ganz normaler Tagesablauf aus? Was kommt so auf Sie zu an Anrufen, an Anfragen, an Veranstaltungen, Gespr\u00e4chen, Sitzungen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Der Tag beginnt immer mit der Sichtung der Presseschau. Bundesweit werde ich dar\u00fcber informiert, was in Zeitungen und in bedeutenden sozialen Medien los ist beim Thema Antisemitismus, ob es Vorf\u00e4lle gegeben hat, Gedenkveranstaltungen, Forderungen von politisch Handelnden etc.<br>Dies werte ich dann aus und komme mit meinen Mitarbeitenden zusammen, und wir \u00fcberlegen, ob ich mich einschalten muss in den einen oder anderen Vorgang und ob ich selbst Stellung nehmen soll. Dies betrifft die Tagesaktualit\u00e4t zur eigenen \u00d6ffentlichkeitsarbeit.<br>Ich bin viel in Kontakt mit Bundestagsabgeordneten, die sich einsetzen wollen und berate diese. Ich bin auch im Austausch mit vielen Ressorts der Bundesregierung und \u00fcberpr\u00fcfe deren Programme im Hinblick darauf, ob sie im Kampf gegen Antisemitismus effizient genug sind. Ich habe im letzten Jahr, am 30. November, eine nationale Strategie gegen Antisemitismus vorgelegt, die von der Bundesregierung ver\u00f6ffentlicht wurde, und in deren Vorfeld ich viele Ressortbesprechungen durchgef\u00fchrt habe. Ich bin auch in Kontakt gewesen mit zivilgesellschaftlichen Organisationen, die sich in den ganzen Bereichen, die da in Frage kommen, engagieren. Also gerade auch beim Thema Erinnerungskultur, das ist ja ein sehr wichtiger Schl\u00fcssel, den wir im Kampf gegen Antisemitismus haben. Und ich f\u00fchre eben auch viele Veranstaltungen zum Thema durch. Am kommenden Montag (Anm.: gemeint war der 16.01.2023) machen wir z. B. eine Veranstaltung hier in Berlin in der franz\u00f6sischen Botschaft zum Thema 125 Jahre offener Brief von \u00c9mile Zola &#8222;J\u2019accuse \u2026!&#8220;, der die Dreyfus-Aff\u00e4re in Frankreich ja ganz entscheidend beeinflusst hat. Und damit wollen wir auch zeigen, dass es schon vor 125 Jahren positive Signale gab, dass es Menschen gab, die sich gegen Antisemitismus engagiert haben und dass man da auch was erreichen kann.<br>Und ab und zu habe ich nat\u00fcrlich auch Gespr\u00e4che mit eigentlich fast allen Minister*innen und Staatssekret\u00e4r*innen der Bundesregierung, weil Antisemitismus wirklich ein Querschnittsthema ist, das jedes Regierungshandeln betrifft. Das ist ein Fazit, das ich jetzt aus den letzten f\u00fcnf Jahren mitgenommen habe.<\/p>\n\n\n\n<br>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"576\" src=\"https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Folie1-1024x576.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5813\" srcset=\"https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Folie1-1024x576.jpg 1024w, https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Folie1-300x169.jpg 300w, https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Folie1-768x432.jpg 768w, https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Folie1-150x84.jpg 150w, https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Folie1.jpg 1280w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<br>\n\n\n\n<p><strong>Was war Ihre Motivation im vergangenen Oktober nach der Einladung durch die neue Landesbeauftragte, Frau Fuhr, zwei der drei sogenannten SchUM-St\u00e4dte zu besuchen? Was haben Sie erwartet, und was waren Ihre Eindr\u00fccke, als Sie dann dort vor Ort waren?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich hatte schon lange geplant, die drei SchUM-St\u00e4dte zu besuchen, weil ich auch im Ausland immer wieder darauf angesprochen werde. Es ist ja die erste Weltkulturerbest\u00e4tte in Deutschland mit direktem j\u00fcdischem Bezug. Sie k\u00f6nnen sich vorstellen, dass das auf sehr viel Interesse st\u00f6\u00dft, vor allem in den USA, in Israel, aber auch in anderen L\u00e4ndern. Daher war es mir wichtig, einmal selbst vor Ort gewesen zu sein.<br>Ich war wirklich beeindruckt von der Art und Weise, wie dieses j\u00fcdische Kulturerbe pr\u00e4sentiert wird, wie verantwortungsvoll mit diesem Titel umgegangen wird. Ich habe mich sehr dar\u00fcber gefreut, dass ich von den Oberb\u00fcrgermeistern der beiden St\u00e4dte empfangen wurde. Ich habe mich \u00fcber die didaktischen Materialien erkundigt, die erstellt wurden, und auch \u00fcber das begleitende Veranstaltungsprogramm. Das ist wirklich alles sehr gut gemacht. In Speyer kommt noch hinzu, dass diese Stadt mit dem Kaiserdom und den j\u00fcdischen Orten nun zwei Weltkulturerbest\u00e4tten hat. Das ist eine einzigartige Situation, ich glaube sogar weltweit. Und ich freue mich sehr, dass die Oberb\u00fcrgermeisterin Seiler das auch so sieht und entsprechende \u00dcberlegungen anstellt, wie das in geeignet Weise bekannt gemacht werden sollte.<\/p>\n\n\n\n<p><br><strong>Haben Sie mit den betreffenden Gespr\u00e4chspartnern dar\u00fcber gesprochen, wie weit die Pr\u00e4sentation und das Bewusstsein dieses Erbes jetzt auch in der allgemeinen Bev\u00f6lkerung angekommen ist?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ja nat\u00fcrlich, das war Gegenstand unserer Beratungen; gerade in Speyer habe ich mich sehr dar\u00fcber gefreut, dass das Weltkulturerbe auch in die touristischen Angebote eingebettet wird. Dieses Signal halte ich f\u00fcr entscheidend: j\u00fcdisches Erbe ist ein selbstverst\u00e4ndlicher Teil unserer Kultur hierzulande. Das hat Vorbildcharakter; ich war sehr positiv beeindruckt.<\/p>\n\n\n\n<br>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"576\" src=\"https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Folie2-1024x576.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5814\" srcset=\"https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Folie2-1024x576.jpg 1024w, https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Folie2-300x169.jpg 300w, https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Folie2-768x432.jpg 768w, https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Folie2-150x84.jpg 150w, https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Folie2.jpg 1280w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<br>\n\n\n\n<p><strong>Welchen Eindruck haben Sie vom Jubil\u00e4umsjahr \u201e1700 Jahre j\u00fcdisches Leben in Deutschland\u201c? Ist das mehr eine Situation des Erinnerns, des R\u00fcckblicks gewesen oder gab es auch Verbindungen zu aktuellem j\u00fcdischem Leben und M\u00f6glichkeiten, mit j\u00fcdischem Leben konfrontiert zu werden? Also mit dem, was in den Gemeinden passiert, mit der j\u00fcdischen Tradition, der Religion, den Festen etc. ?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Aus meiner Sicht war das Jubil\u00e4umsjahr \u201e1700 Jahre j\u00fcdisches Leben in Deutschland\u201c ein gro\u00dfer Erfolg, weil es gerade gezeigt hat, dass in der deutschen \u00d6ffentlichkeit ein gro\u00dfes Interesse an j\u00fcdischem Leben heute und j\u00fcdischer Kultur besteht, dort insbesondere an den Veranstaltungen zu den Themenbereichen Musik, Kunstausstellungen, aber auch Tanz und Essen. Auch die \u00f6ffentlichen Laubh\u00fcttenfeste, die es gab, haben gro\u00dfes Interesse hervorgerufen. Ich glaube, auch in Rheinland-Pfalz waren einige St\u00e4dte dabei, in denen das gemacht wurde. Das hat mich sehr gefreut, denn in der \u00f6ffentlichen Wahrnehmung kam das bisher kaum vor.<br>Viele Menschen denken, wenn sie \u201ej\u00fcdisches Leben\u201c h\u00f6ren, eher an Probleme oder an j\u00fcdisches Leid und Tod. Wir m\u00fcssen wegkommen von dieser Assoziation, dass die Menschen ausschlie\u00dflich an den Holocaust, an antisemitische Vorf\u00e4lle und den Nahostkonflikt denken, wenn sie das Wort ,Juden\u2018 h\u00f6ren. Denn j\u00fcdisches Leben hat ja sehr viel mehr Aspekte.&nbsp; Die j\u00fcdische Gemeinschaft hat zur St\u00e4rke unseres Landes beigetragen. Und um diese Geschichte und auch das j\u00fcdische Leben heute sichtbar zu machen, dazu hat das Projekt 1700 Jahre sehr viel bewirkt. Ich freue mich sehr, dass die j\u00fcdischen Gemeinden sich an der Initiative so aktiv beteiligt haben. Meines Erachtens ist das auch ein Ausdruck des neuen Selbstbewusstseins der j\u00fcdischen Gemeinschaft in Deutschland. Ich wei\u00df nicht, ob sie vor 30 Jahren oder auch noch vor 20 Jahren dazu in diesem Ma\u00dfe dazu bereit gewesen w\u00e4re. Das ist auch ein Vertrauensbeweis. Und das freut mich nat\u00fcrlich sehr.<\/p>\n\n\n\n<p><br><strong>Was sind denn die Ergebnisse Ihrer und Ihrer Fachleute Analyse, was die Ursachen dieses Antisemitismus heute sind, der sich immer wieder im Alltag gegen Einrichtungen und gegen Menschen richtet, trotz der Geschichte dieses Landes und der inzwischen vielerorts gelebten Erinnerungskultur. Was sind Ihre Befunde?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Nach 1945 ist der Antisemitismus in Deutschland nicht verschwunden. Das w\u00e4re ja auch \u00fcberraschend. Zw\u00f6lf Jahre lang waren die Menschen der NS-Propaganda ausgesetzt. Nat\u00fcrlich blieben diese antisemitischen Stereotypen und Bilder, die ja die Nazis auch nicht erfunden haben, sondern die Jahrhunderte alt sind und auch von den Kirchen ja stark propagiert wurden, in den K\u00f6pfen der Menschen. Es ist uns allerdings gelungen, glaube ich, in den ersten Jahrzehnten nach 1945 den Antisemitismus doch zumindest so in die Ecke zu dr\u00e4ngen, dass er wirklich in die extremistischen Lager verbannt wurde und sich nicht so sichtbar zeigen konnte. Was wir aber heute erleben, ist, dass Antisemitismus hoff\u00e4higer wird und auch in der Mitte der Gesellschaft wieder toleriert wird. Also, dass das, was einige Menschen fr\u00fcher nur dachten, sich jetzt auch \u00f6ffentlich manifestiert. Das Internet, die sozialen Medien haben dazu sehr stark beigetragen, auch eine Verrohung der politischen Kultur im Allgemeinen und gleichzeitig die gesellschaftlichen Krisen der letzten Zeit.<br>Unsere Geschichte hat gezeigt, dass die Menschen in Krisenzeiten anf\u00e4lliger werden f\u00fcr irrationale Erkl\u00e4rungsmuster, und der Antisemitismus ist so eines. Diese verleiten zu einer Suche nach einem Schuldigen, nach jemandem, der profitiert, und zu Verschw\u00f6rungsmythen. Das konnte man gerade in der Corona-Pandemie sehen. Deswegen ist es nicht weiter verwunderlich, mit den M\u00f6glichkeiten der sozialen Medien, dass Menschen sich antisemitisch \u00e4u\u00dfern und dass die Hemmschwellen sinken. Wenn man am Computer sitzt und z. B. einen antisemitischen Post absetzt, geht das leichter, als wenn man sich im pers\u00f6nlichen Umfeld, in einem Restaurant oder am Arbeitsplatz antisemitisch \u00e4u\u00dfert. Da erwartet man vielleicht eher noch Widerstand. Dies hat eben leider zum Vordringen von Antisemitismus gef\u00fchrt.<\/p>\n\n\n\n<br>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"576\" src=\"https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Folie3-1024x576.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5815\" srcset=\"https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Folie3-1024x576.jpg 1024w, https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Folie3-300x169.jpg 300w, https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Folie3-768x432.jpg 768w, https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Folie3-150x84.jpg 150w, https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Folie3.jpg 1280w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<br>\n\n\n\n<p><strong>Sie haben ja nun im Auftrag der Bundesregierung eine \u201eNationale Strategie gegen Antisemitismus und f\u00fcr j\u00fcdisches Leben\u201c ver\u00f6ffentlicht. Was ist die Kernbotschaft dieses Papiers? K\u00f6nnten Sie dazu etwas ausf\u00fchren und zu zwei ausgew\u00e4hlten Handlungsfeldern, wie zum Beispiel Bildung und Erinnerungskultur?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In der Strategie haben wir Ziele formuliert, statt einen Ma\u00dfnahmenkatalog vorzulegen. Wo wollen wir hin? Tun wir als Gesellschaft genug gegen Antisemitismus? Und wir haben die Ziele nicht nur f\u00fcr Politik und Verwaltung formuliert, sondern f\u00fcr die gesamte Gesellschaft. Tut jeder Einzelne von uns genug gegen Antisemitismus? Und da haben wir f\u00fcnf relevante Handlungsfelder identifiziert: \u201e<strong>Daten,<\/strong> <strong>Forschung und Lagebild\u201c, \u201eBildung als Antisemitismuspr\u00e4vention\u201c, \u201eErinnerungskultur Geschichtsbewusstsein und Gedenken\u201c, \u201eRepressive Antisemitismusbek\u00e4mpfung und Sicherheit\u201c und f\u00fcnftens \u201eJ\u00fcdische Gegenwart und Geschichte\u201c.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In diese f\u00fcnf Handlungsfelder flie\u00dfen Handlungsauftr\u00e4ge ein aus sogenannten Querschnittsdimensionen, die immer wichtig sind im Kampf gegen Antisemitismus:<\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\" type=\"1\">\n<li><strong>Die Ber\u00fccksichtigung der Betroffenenperspektive, <\/strong>vor allem von J\u00fcdinnen und Juden, aber auch von anderen Betroffenen von Antisemitismus,<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Strukturbildung<\/strong>, wie die Schaffung meines Amtes, aber auch die Bund-L\u00e4nder-Kommission der Beauftragten.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Digitalit\u00e4t<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft size-full is-resized\"><a href=\"https:\/\/www.bmi.bund.de\/SharedDocs\/downloads\/DE\/publikationen\/themen\/heimat-integration\/nasas.pdf?__blob=publicationFile&amp;v=5\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Bild_Nationale-Strategien.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-5816\" width=\"322\" height=\"456\" srcset=\"https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Bild_Nationale-Strategien.png 617w, https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Bild_Nationale-Strategien-212x300.png 212w, https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Bild_Nationale-Strategien-106x150.png 106w\" sizes=\"auto, (max-width: 322px) 100vw, 322px\" \/><\/a><\/figure><\/div>\n\n\n<p>Ihre Einrichtung \u201eHaus des Erinnerns \u2026\u201c ist ein Beispiel daf\u00fcr, wie das gelingen kann, wenn Sie eben die j\u00fcdische Gemeinde vor Ort einbinden in Ihre Ma\u00dfnahmen, aber es nicht auf sie abw\u00e4lzen, dass sie den Kampf gegen Antisemitismus allein f\u00fchren oder diese Aktivit\u00e4ten entwickeln muss. Denn das stellt die Strategie auch klar: Der Kampf gegen Antisemitismus ist keine j\u00fcdische Aufgabe, sondern eine Aufgabe der Gesamtgesellschaft.<br>Die beiden Handlungsfelder, die Sie angesprochen haben, sind sehr wichtig, und Bildung ist eigentlich selbsterkl\u00e4rend. Es ist zentral, dass wir im Schulunterricht zeitgem\u00e4\u00dfe Bilder des Judentums vermitteln, sodass die Jugendlichen eben mit der Realit\u00e4t j\u00fcdischen Lebens heute in Kontakt kommen. Sie m\u00fcssen auch mit Angeboten bedient werden, die sie zeitgem\u00e4\u00df ansprechen, wie digitale Angebote, auch was die Vermittlung des Judentums, aber auch des Holocaust im Unterricht angeht.<br>Und im Handlungsfeld Erinnerungskultur ist es wichtig, dass wir klarmachen, dass jeder und jede etwas tun kann. In der Gemeinde, in der man zu Hause ist, kann man j\u00fcdische Spuren suchen und sichtbar machen, um dieses j\u00fcdische kulturelle Erbe als Teil der gesamtkulturellen Realit\u00e4t und der Angebote, die vor Ort gemacht werden, zu verstehen. Das Strategiepapier zeigt Beispiele auf, sodass wir die Menschen in die Lage versetzen, mit Antisemitismus auch strategisch und angemessen umzugehen. Zum Beispiel in Bezug auf die Lehrkr\u00e4fte in den Schulen, dass wir sie aus- und fortbilden zu diesem Themenkomplex und dass sie wissen, wie sie sich verhalten m\u00fcssen, wenn Antisemitismus im Schulalltag auftritt. Daf\u00fcr liefert die Strategie Hilfe und Orientierung.<\/p>\n\n\n\n<br>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"576\" src=\"https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Folie4-1024x576.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5817\" srcset=\"https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Folie4-1024x576.jpg 1024w, https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Folie4-300x169.jpg 300w, https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Folie4-768x432.jpg 768w, https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Folie4-150x84.jpg 150w, https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Folie4.jpg 1280w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<br>\n\n\n\n<p><strong>Wie beurteilen Sie in diesem Zusammenhang die kleine Publikationsreihe, die wir in Rheinland-Pfalz zu den SchUM-St\u00e4tten aufgelegt haben?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Diese Publikation ist wirklich ein Paradebeispiel daf\u00fcr, wie wir uns das vorstellen, wie man Informationen \u00fcber j\u00fcdisches Leben anschaulich vermitteln kann. Besonders gut finde ich, dass mit der Publikation gleichzeitig auch didaktische Angebote verbunden sind. Das ist wirklich ganz hervorragend und attraktiv gemacht: allgemeinverst\u00e4ndlich, sch\u00f6n bebildert, gut aufgearbeitet Ich hoffe, dass m\u00f6glichst viele Personen von diesem Angebot Gebrauch machen.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\">\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><a href=\"https:\/\/www.na-verlag.de\/programm\/n\/leuchte-des-exils\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Magenza.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5818\" width=\"242\" height=\"312\" srcset=\"https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Magenza.jpg 250w, https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Magenza-233x300.jpg 233w, https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Magenza-116x150.jpg 116w\" sizes=\"auto, (max-width: 242px) 100vw, 242px\" \/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\">\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><a href=\"https:\/\/www.na-verlag.de\/programm\/q\/qr\/qrj\/warmaisa-klein-jerusalem-am-rhein\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"484\" height=\"599\" src=\"https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Warmaisa.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5819\" srcset=\"https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Warmaisa.jpeg 484w, https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Warmaisa-242x300.jpeg 242w, https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Warmaisa-121x150.jpeg 121w\" sizes=\"auto, (max-width: 484px) 100vw, 484px\" \/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\">\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><a href=\"https:\/\/www.na-verlag.de\/programm\/y\/yp\/ypj\/ypjn\/ypjn3\/kehilla-schpira-moegen-diese-pfloecke-niemals-herausgerissen-werden\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"486\" height=\"599\" src=\"https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Schpira.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5820\" srcset=\"https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Schpira.jpeg 486w, https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Schpira-243x300.jpeg 243w, https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Schpira-122x150.jpeg 122w\" sizes=\"auto, (max-width: 486px) 100vw, 486px\" \/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<br>\n\n\n\n<p><strong>Sie haben es eben kurz angedeutet, mit dem Stichwort Migrationsgesellschaft. Wir haben inzwischen einen relevanten Bestandteil an Antisemitismus, der aus einem islamistischen Hintergrund kommt. Wie sch\u00e4tzen Sie da die M\u00f6glichkeiten f\u00fcr Pr\u00e4ventions- aber auch Sanktionsma\u00dfnahmen ein, m\u00f6glicherweise auch im Unterschied zu dem \u201eklassischen rechtsextremen Antisemitismus\u201c?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wir m\u00fcssen jede Form von Antisemitismus bek\u00e4mpfen. Wir sollten auf keinen Fall eine Hierarchisierung vornehmen, welche Form nun gef\u00e4hrlicher ist als die andere. Das ist mir sehr wichtig. Wenn Sie sich die polizeiliche Kriminalstatistik der antisemitischen Straftaten ansehen, ist die Anzahl der T\u00e4ter mit Migrationshintergrund bei den Delikten nicht sehr hoch. Etwa 90% sind dem rechten Umfeld zuzuordnen.<br>Wir hier vor allem eine Integrationsaufgabe vor uns und m\u00fcssen als Gesellschaft Angebote machen, um die Menschen mit ausl\u00e4ndischen Wurzeln davon zu \u00fcberzeugen, dass es in Deutschland nicht akzeptiert wird, wenn man sich antisemitisch bet\u00e4tigt oder das Existenzrecht Israels verneint.<\/p>\n\n\n\n<p>Und da gibt es ja durchaus schon Angebote. Zum Beispiel in unserer Erinnerungskultur gibt es Beispiele, an denen wir zeigen k\u00f6nnen, dass sich etwa auch Muslime gegen die Nazis gewandt haben. Hier in Berlin haben wir das Handeln des Arztes Dr. Mohamed Helmy, ein \u00c4gypter: Er ist der einzige Araber, der als \u201eGerechter unter den V\u00f6lkern\u201c von der israelischen Gedenkst\u00e4tte Yad Vashem geehrt wurde. Ein Arzt, der selbst angefeindet wurde von den Nazis, aber eine j\u00fcdische Familie versteckt hat in seiner Gartenlaube. Sowohl er als auch die von ihm gesch\u00fctzte Familie hat \u00fcberlebt. Das zeigt, dass Muslime mitnichten Feinde der Juden sind. Dieser Mann ist ein Held, und nicht nur Muslime k\u00f6nnen sich mit ihm identifizieren, sondern alle. Und solche Beispiele gilt es aufzugreifen und in unserer Erinnerungskultur st\u00e4rker einzubinden. Auch die Rolle der T\u00fcrkei als Aufnahmeland j\u00fcdischer Fl\u00fcchtlinge aus Deutschland in den 1930er und 1940er Jahren sollte st\u00e4rker beleuchtet werden, um Br\u00fccken zu bauen. Und noch einmal: Den Menschen, die in den letzten Jahren zu uns gekommen sind, m\u00fcssen wir klarmachen, dass es wichtig ist, dass sie auch die Geschichte unseres Landes kennen m\u00fcssen, um sich hier erfolgreich integrieren zu k\u00f6nnen. Das ist ein notwendiges R\u00fcstzeug f\u00fcr m\u00fcndige Staatsb\u00fcrgerinnen und Staatsb\u00fcrger. Das m\u00fcssen wir noch st\u00e4rker vermitteln, aber es gibt ja auch schon gute Ans\u00e4tze, es gibt hervorragende Programme und Menschen, die sich hier engagieren. Gleichwohl stellen wir fest, dass der sogenannte israelbezogene Antisemitismus die am meisten verbreitete Form in Deutschland ist, quer durch die ganze Gesellschaft. Und dass dann, wenn zum Beispiel im Nahen Osten wieder Spannungen herrschen, vor j\u00fcdischen Einrichtungen in Deutschland Demonstrationen stattfinden. Diesen Mechanismus gilt es aufzubrechen.<\/p>\n\n\n\n<br>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"576\" src=\"https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Folie5-1024x576.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5821\" srcset=\"https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Folie5-1024x576.jpg 1024w, https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Folie5-300x169.jpg 300w, https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Folie5-768x432.jpg 768w, https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Folie5-150x84.jpg 150w, https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Folie5.jpg 1280w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<br>\n\n\n\n<p><strong>F\u00fcr viele Menschen ist es nicht so ganz einfach, zwischen einer berechtigten Kritik der jeweiligen Regierung in Israel und einer Form der Kritik zu unterscheiden, die eben antisemitische Stereotype bedient. K\u00f6nnen Sie mal versuchen die Trennlinie zu beschreiben, die zwischen diesen beiden Formen der kritischen \u00c4u\u00dferungen besteht?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es findet t\u00e4glich Kritik an israelischem Regierungshandeln statt, ohne dass Antisemitismusvorw\u00fcrfe ge\u00e4u\u00dfert werden. Die Grenze ist aus meiner Sicht \u00fcberschritten, wenn:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Ma\u00dfst\u00e4be angelegt werden an das Handeln der israelischen Regierung, die h\u00f6her sind als die Ma\u00dfst\u00e4be, die an das Handeln anderer westlicher Staaten oder demokratischer Staaten gelegt werden. Dann wird es schwierig, wenn hier <strong>doppelte Standards<\/strong> zugrunde gelegt werden.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Israel delegitimiert<\/strong> wird und wenn zum Beispiel der Staat Israel als Apartheitsstaat bezeichnet wird. Ein Apartheitsstaat ist per Definition nicht legitim, und da wird es aus meiner Sicht ganz klar antisemitisch oder wenn das <strong>Existenzrecht Israels in Frage gestellt <\/strong>wird.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>Aber es ist zum Beispiel nicht antisemitisch, wenn man die Siedlungspolitik kritisiert, wenn der Grenzverlauf der Mauer, die Israel ja sch\u00fctzen soll vor terroristischen Angriffen aus dem Westjordanland, kritisiert wird, weil diese teilweise \u00fcber ein Gebiet verl\u00e4uft, das den Pal\u00e4stinensern im Rahmen der sogenannten Zweistaatenl\u00f6sung zugesprochen werden soll.<\/p>\n\n\n\n<p><br><strong>Wie sollte man in diesem Zusammenhang mit der Initiative umgehen, die den israelischen Warenexport boykottiert? Sollte man sich dieser Diskussion stellen oder kann man dabei nichts gewinnen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ja, in der Tat, das ist eine neue Diskussion, und ich finde einige Stimmen wirklich h\u00f6chst bedenklich, die in diesem Zusammenhang mit Blick auf unsere Erinnerungskultur sagen, dass die Fixierung der Deutschen auf den Holocaust eine Art \u201eKatechismus\u201c darstellt, der den Blick verh\u00fcllt f\u00fcr andere V\u00f6lkermorde oder auch f\u00fcr die deutschen Kolonialverbrechen. Ich finde, das Gegenteil ist richtig. Wenn die Menschen durch die Holocaust-Erinnerung sensibilisiert werden, dann haben sie sind sie auch f\u00fcr die Anerkennung anderer V\u00f6lkermorde sensibilisiert. Gerade in Deutschland haben wir eine besondere Verantwortung, gegen Antisemitismus vorzugehen. Wenn \u2013 wie im vergangenen Jahr auf der documenta in Kassel &#8211;offen antisemitische Bilder gezeigt werden, die auch im NS-Hetzblatt \u201eSt\u00fcrmer\u201c h\u00e4tten ver\u00f6ffentlicht werden k\u00f6nnen, dann m\u00fcssen hierzulande die Alarmglocken klingen. Und das m\u00fcssten eigentlich auch K\u00fcnstlerinnen und K\u00fcnstler verstehen, die aus anderen L\u00e4ndern zu uns kommen. Und deswegen ist in Kassel der grunds\u00e4tzlich sinnvolle Versuch, die Perspektive anderer L\u00e4nder und Kulturen des sogenannten globalen S\u00fcdens im kulturellen Diskurs bei uns einzubringen, v\u00f6llig gescheitert. Und hieraus m\u00fcssen wir Konsequenzen ziehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu Ihrer Frage, die auf die sogenannte BDS-Bewegung abzielt, also die Bewegung, die die alle Kontakte in Wissenschaft, Kultur, Handel und jeglichen Austausch mit Israel, boykottieren und auf diese Weise Druck aus\u00fcben will: Ich finde, diese Bewegung ist in Zielen und Methoden antisemitisch. Wir m\u00fcssen uns politisch mit ihr auseinandersetzen. Ich halte nichts von einem Verbot dieser Bewegung. Wir m\u00fcssen mit politischen, gesellschaftlichen Mitteln die Menschen \u00fcberzeugen, dass sie auf einen falschen Weg f\u00fchrt. Denn diese Bewegung hat sich nicht zur Zweistaatenl\u00f6sung bekannt. Letztlich w\u00fcrde die Realisierung der Ziele dieser BDS-Bewegung auf das Ende von Israel als Staat hinauslaufen, und das Existenzrecht dieses Landes in Frage stellen. Deswegen halte ich diese Bewegung f\u00fcr h\u00f6chst problematisch.<\/p>\n\n\n\n<p><br><strong>Wie beurteilen Sie das Instrument der Gedenkst\u00e4ttenfahrten und welchen Stellenwert geben Sie diesem konkreten Thema in der Erinnerungskultur, aber eben auch im Bildungsbereich?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Gedenkst\u00e4tten werden immer wichtiger, gerade auch in den Zeiten, in denen wir keine \u00dcberlebenden mehr unter uns haben werden. Es sollte ein Ziel sein, jedem jungen Menschen zumindest einmal in seiner Schullaufbahn den Besuch einer Gedenkst\u00e4tte zu erm\u00f6glichen, die aber dann auch gut vorbereitet sein muss. Nur eine Gedenkst\u00e4ttenfahrt zu machen, und dann wieder zur Tagesordnung \u00fcberzugehen, w\u00e4re nicht gut, weil da unter Umst\u00e4nden unerw\u00fcnschte \u00dcbersprungshandlungen provozieren werden k\u00f6nnten. Ich freue mich deswegen, dass es in Ihrem \u201eHaus des Erinnerns \u2026\u201c einen Gedenkst\u00e4ttenreferenten gibt, der als Auskunftsperson f\u00fcr Schulleitungen und Lehrpersonal zur Verf\u00fcgung steht und dazu beitragen kann, dass diese Fahrten gut in die p\u00e4dagogischen Konzepte von Schule eingebettet werden. Gerade die Erinnerungsarbeit in Gedenkst\u00e4tten kann verdeutlichen, wohin die extremste Form von Antisemitismus in Deutschland gef\u00fchrt und welches Unheil sie \u00fcber viele L\u00e4nder Europas gebracht hat.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"576\" src=\"https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Folie6-1024x576.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5822\" srcset=\"https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Folie6-1024x576.jpg 1024w, https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Folie6-300x169.jpg 300w, https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Folie6-768x432.jpg 768w, https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Folie6-150x84.jpg 150w, https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Folie6.jpg 1280w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<br>\n\n\n\n<p><strong>Wir bem\u00fchen uns in Rheinland-Pfalz gerade darum eine landesweite \u201eKoordinierungsstelle f\u00fcr j\u00fcdisches Leben und j\u00fcdische Kultur\u201c einzurichten und sind da gerade im Gespr\u00e4ch mit Monika Fuhr, der Landesbeauftragten. Wie sehen Sie diese Initiative?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das ist eine gro\u00dfartige Initiative! Ich w\u00fcnsche Ihnen bei diesem Vorhaben alles Gute und dr\u00fccke die Daumen, dass es gelingt. Dann w\u00e4re Rheinland-Pfalz bundesweit ganz vorne! Das k\u00f6nnen Sie auch gerne den Beteiligten so \u00fcbermitteln.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Herr Dr. Klein wir danken Ihnen f\u00fcr dieses aufschlussreiche Gespr\u00e4ch.<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dr. Felix Klein ist seit 2018 der Beauftragte der Bundesregierung f\u00fcr j\u00fcdisches Leben in Deutschland und den Kampf gegen Antisemitismus. Mit ihm sprachen wir u. a. \u00fcber die Bedeutung der sogen. SchUM-St\u00e4tten in Rheinland-Pfalz f\u00fcr die j\u00fcdische Kultur und Tradition, die Rolle einer lebendigen Erinnerungskultur und insbesondere der Bildung im&#8230;<\/p>\n<p> <a class=\"continue-reading-link\" href=\"https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/index.php\/projekte-ausstellungen\/projekte\/das-hde-im-gespraech-mit\/im-gespraech-mit-dr-felix-klein\/\"><span>Weiterlesen<\/span><i class=\"crycon-right-dir\"><\/i><\/a> <\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"parent":1840,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"episode_type":"","audio_file":"","podmotor_file_id":"","podmotor_episode_id":"","cover_image":"","cover_image_id":"","duration":"","filesize":"","filesize_raw":"","date_recorded":"","explicit":"","block":"","ngg_post_thumbnail":0,"_price":"","_stock":"","_tribe_ticket_header":"","_tribe_default_ticket_provider":"","_tribe_ticket_capacity":"0","_ticket_start_date":"","_ticket_end_date":"","_tribe_ticket_show_description":"","_tribe_ticket_show_not_going":false,"_tribe_ticket_use_global_stock":"","_tribe_ticket_global_stock_level":"","_global_stock_mode":"","_global_stock_cap":"","_tribe_rsvp_for_event":"","_tribe_ticket_going_count":"","_tribe_ticket_not_going_count":"","_tribe_tickets_list":"[]","_tribe_ticket_has_attendee_info_fields":false,"footnotes":"","_tec_slr_enabled":"","_tec_slr_layout":""},"class_list":["post-5808","page","type-page","status-publish","hentry"],"ticketed":false,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/5808","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=5808"}],"version-history":[{"count":9,"href":"https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/5808\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5841,"href":"https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/5808\/revisions\/5841"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/1840"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=5808"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}