{"id":3457,"date":"2021-04-14T10:32:50","date_gmt":"2021-04-14T08:32:50","guid":{"rendered":"https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/?page_id=3457"},"modified":"2021-04-14T10:32:50","modified_gmt":"2021-04-14T08:32:50","slug":"prof-dr-roland-imhoff","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/index.php\/projekte-ausstellungen\/projekte\/das-hde-im-gespraech-mit\/prof-dr-roland-imhoff\/","title":{"rendered":"Im Gespr\u00e4ch mit &#8230; Prof. Dr. Roland Imhoff"},"content":{"rendered":"\n<p><br>Seit 2015 ist Roland Imhoff Professor f\u00fcr Sozial- und Rechtspsychologie an der Johannes Gutenberg-Universit\u00e4t Mainz. Zu seinen Forschungsschwerpunkten geh\u00f6ren unter anderem Verschw\u00f6rungsmentalit\u00e4ten. Mit ihm sprachen wir \u00fcber das Ph\u00e4nomen Verschw\u00f6rungserz\u00e4hlungen und die Bedeutung von sozialen Medien sowie Krisensituationen f\u00fcr deren Verbreitung. <br><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-very-dark-gray-color has-text-color has-small-font-size\"><br>Interview: Dr. Cornelia Dold &amp; Janika Schiffel | April 2021<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-media-text alignwide is-stacked-on-mobile has-very-light-gray-background-color has-background\" style=\"grid-template-columns:36% auto\"><figure class=\"wp-block-media-text__media\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/imhoff_foto_2000x2000-1024x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3458\" srcset=\"https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/imhoff_foto_2000x2000-1024x1024.jpg 1024w, https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/imhoff_foto_2000x2000-300x300.jpg 300w, https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/imhoff_foto_2000x2000-150x150.jpg 150w, https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/imhoff_foto_2000x2000-768x768.jpg 768w, https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/imhoff_foto_2000x2000-1536x1536.jpg 1536w, https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/imhoff_foto_2000x2000.jpg 2000w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure><div class=\"wp-block-media-text__content\">\n<p class=\"has-very-light-gray-background-color has-background has-normal-font-size\"><strong>Zur Person<br><\/strong>Roland Imhoff ist Professor f\u00fcr Sozial- und Rechtspsychologie an der Johannes Gutenberg-Universit\u00e4t Mainz. Seit 2006 besch\u00e4ftigt er sich in seiner Forschung mit Antisemitismus und Verschw\u00f6rungsglauben. Er ist Teil der Taskforce \u201eVerschw\u00f6rungstheorien\u201c der Deutschen Gesellschaft f\u00fcr Psychologie.<\/p>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<p><br><br><strong>In Gespr\u00e4chen und Diskussionen \u00fcber das Ph\u00e4nomen Verschw\u00f6rungserz\u00e4hlungen werden hierf\u00fcr immer wieder verschiedene Begriffe verwendet: Verschw\u00f6rungstheorien, -mythen oder auch -ideologien. Welche Begriffe und Definitionen beschreiben das Ph\u00e4nomen in Ihren Augen am geeignetsten?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die verschiedenen Begriffe stehen ja jeweils f\u00fcr leicht unterschiedliche Betrachtungen des Ph\u00e4nomens. Die Verschw\u00f6rungsmythen zum Beispiel betonen, dass es sich um nicht zutreffende Annahmen handelt, w\u00e4hrend -ideologien mehr als eine konkrete \u00dcberzeugung umfassen m\u00f6gen.<br>Ich pers\u00f6nlich nutze tats\u00e4chlich h\u00e4ufig den Begriff der Verschw\u00f6rungstheorie, auch wenn manche ihn problematisch finden. Zum einen arbeite ich vor allem international, und international ist das der am besten etablierte und am h\u00e4ufigsten verwendete Begriff. Zum anderen untersuche ich, wann und warum Menschen hinter Ereignissen die geheimen Machenschaften heimlich agierender Gruppen vermuten, also einer Verschw\u00f6rungstheorie zustimmen. Hierbei mache ich mich frei von Setzungen, ob diese Theorie immer notwendigerweise falsch sein muss (wie die Mythen es tun), sonst w\u00fcrde ich den ganzen Tag nichts anderes tun, als forensisch die Faktizit\u00e4t verschiedener Theorien zu \u00fcberpr\u00fcfen. Das steht aber gar nicht im Fokus meines Interesses, ob es stimmt oder nicht; sondern was Menschen dazu bringt, das zu vermuten. Viele Kritiker*innen monieren, dass die meisten Verschw\u00f6rungsbehauptungen durch die Bezeichnung als Theorie eigentlich zu unrecht geadelt w\u00fcrden, obwohl sie keine formalen Kriterien einer Theorie erf\u00fcllen. Da gehe ich nicht so ganz mit, weil man das Gleiche auch vielen wissenschaftlichen Theorien vorwerfen k\u00f6nnte, ohne dass wir ihnen diese Selbstbezeichnung absprechen; zum anderen ist es auch gar nicht so, als seien die Bef\u00fcrworter*innen dieser Theorien stolz und gl\u00fccklich mit diesem Begriff. Aus deren Warte ist es n\u00e4mlich eine Frechheit, dass es sich \u201eblo\u00df\u201c um Theorien handeln soll.<br><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"576\" src=\"https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Folie3-1024x576.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3464\" srcset=\"https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Folie3-1024x576.jpg 1024w, https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Folie3-300x169.jpg 300w, https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Folie3-768x432.jpg 768w, https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Folie3-150x84.jpg 150w, https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Folie3.jpg 1280w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><br><strong>Pia Lamberty, Doktorandin an Ihrem Lehrstuhl f\u00fcr Sozial- und Rechtspsychologie, schreibt in ihrem aktuellen Buch \u201eFake Facts. Wie Verschw\u00f6rungstheorien unser Denken bestimmen\u201c, dass man die Ausbreitung von Verschw\u00f6rungsmythen nicht alleine auf die \u201aneuen\u2018 Technologien und Plattformen zur\u00fcckf\u00fchren kann. Welche Rolle spielen Ihrer Meinung nach hierbei dennoch Social Media Plattformen wie Twitter, Instagram oder auch YouTube?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin da sehr vorsichtig. In der digitalen Welt reisen Verschw\u00f6rungstheorien weiter und bequemer. Aber das tun jedwede Informationen, Berichte aus aller Welt, Videos von ulkigen Dingen, Rezepte traditioneller Speisen. Der Traffic sorgt daf\u00fcr, dass nahezu jede Information schneller verf\u00fcgbar ist und h\u00e4ufiger auch ohne Suche angetroffen wird. Es kann sein, dass Verschw\u00f6rungsnarrative einen asymmetrischen Vorteil haben, weiterverbreitet zu werden, zum Beispiel weil sie von ihrer narrativen Struktur etwas bedienen, was uns aus klassischen Dramen und Hollywood bekannt und vertraut ist: N\u00e4mlich eine manich\u00e4ische Zuspitzung der Welt auf den Konflikt zwischen Oberschurken und Superhelden, gepaart mit dem Angebot durch die Weiterleitung und damit Offenlegung der Ungeheuerlichkeiten, selber so etwas zu werden wie ein Superheld. Die Evidenz zu diesem Vorteil ist aber bislang nicht sehr stark. Was ganz sicher stimmt, ist, dass sie eine weitere Verbreitung erfahren als vor den Zeiten des Internets. Das h\u00e4ngt damit zusammen, dass in westlichen Demokratien Verschw\u00f6rungstheorien h\u00e4ufig heterodoxes Wissen sind, das sich gegen offizielle Versionen richtet. Mit sozialen Medien ist die Medienlandschaft einer Einwegkommunikation via Rundfunk, TV und Print verdr\u00e4ngt worden durch einen demokratischen Marktplatz, auf dem es nicht mehr eindeutig ist, dass die offizielle Version die gr\u00f6\u00dfte Verbreitung erf\u00e4hrt<strong>.<\/strong> Schlie\u00dflich, auch das sollte man nicht ignorieren, steckt in den meisten Algorithmen sozialer Medien eine Eskalationslogik. Von Impfkritik kommt man dann \u00fcber Esoterik, Gesundheitsdiktatur ganz schnell zu 9-11 und Echsenmenschen.<\/p>\n\n\n\n<p><br><strong>Wie sch\u00e4tzen Sie den Einfluss der Echokammern in den sozialen Netzwerken ein?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Echokammern beschreiben ja das Ph\u00e4nomen, dass soziale Medien k\u00fcnstlich homogene Filterblasen erzeugen, in denen sich nur noch Gleichgesinnte wiederfinden, die sich gegenseitig best\u00e4tigen und nie Gefahr laufen, auf Widerspruch zu sto\u00dfen. Auch hier w\u00e4re ich vorsichtig damit, dem Internet die Schuld zu geben. Sich mit Gleichgesinnten auszutauschen und gegenseitig zu best\u00e4tigen ist zutiefst menschlich und hat es schon lange vor der Erfindung von Computern gegeben. Gruppendenken und Gruppenpolarisierung sind sozialpsychologische Ph\u00e4nomene, die unabh\u00e4ngig von Medien gelten und einer der best etablierten Pr\u00e4diktoren der Partnerwahl ist die \u00c4hnlichkeit im Bezug auf allgemeine Werthaltungen \u2013 gleich und gleich gesellt sich gern. Es ist ja nicht so, als w\u00fcrden wir uns im echten Leben st\u00e4ndig mit maximaler Meinungsvielfalt konfrontieren. Meine politische Haltung bestimmt zu Teilen meinen Freundeskreis, welche Tageszeitung ich lese und zu welchen Diskussionsveranstaltungen ich gehe. Das ist nicht immer zielf\u00fchrend, um mich mit kontr\u00e4ren Meinungen zu konfrontieren \u2013 im Internet oder der physischen Welt.<br><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"576\" src=\"https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Folie4-1024x576.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3465\" srcset=\"https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Folie4-1024x576.jpg 1024w, https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Folie4-300x169.jpg 300w, https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Folie4-768x432.jpg 768w, https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Folie4-150x84.jpg 150w, https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Folie4.jpg 1280w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><br><strong>Seit Beginn der Corona-Pandemie scheint es, als w\u00fcrde die Zahl der Anh\u00e4nger*innen von Verschw\u00f6rungserz\u00e4hlungen zunehmen. Welche Rolle spielen Krisensituationen bei der Verbreitung dieser Erz\u00e4hlungen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich gebe Ihnen recht, so scheint es. Tats\u00e4chlich ist das aber nicht klar. Diverse verschw\u00f6rungstheoretische Kan\u00e4le auf social media haben Zulauf erfahren, Beratungsstellen verzeichnen einen empfindlichen Anstieg an Nachfragen durch betroffene Angeh\u00f6rige, und es finden bundesweite Demonstrationen statt. Die wenigen belastbaren bev\u00f6lkerungsrepr\u00e4sentativen Umfragen jedoch spiegeln das auf der Ebene der Einstellung der Befragten nicht wider. Ich bin also noch nicht \u00fcberzeugt, ob wir es mit einem Problem der medialen Aufmerksamkeit oder einem der tats\u00e4chlichen Zunahme an Verschw\u00f6rungsgl\u00e4ubigen zu tun haben.<br>Theoretisch wird das aber tats\u00e4chlich erwartet. Verschw\u00f6rungsnarrative werden in dem Ma\u00dfe attraktiv, in dem Menschen das Gef\u00fchl reduzierter Kontrolle \u00fcber ihr Leben haben \u2013 wegen experimentellen Situationen, Erfahrungen von sozialem Ausschluss \u2013 oder eben Pandemien. Einerseits weil das Erlebnis des \u201eDurchschauens\u201c eines ungeheuerlichen Plans einem schon das Gef\u00fchl erh\u00f6hter Kontrolle wiedergeben kann und andererseits, weil mit der Benennung eines Schuldigen ja die Option ins Spiel kommt, diesem oder dieser das Handwerk zu legen und so Kontrolle wiederzuerlangen.<\/p>\n\n\n\n<p><br><strong>Im Januar 2021 wurde der Twitteraccount von Donald Trump endg\u00fcltig gesperrt. Bis dahin hatte er mit \u00fcber 88 Mio. Followern eine enorme Reichweite und verbreitete unter anderem regelm\u00e4\u00dfig Verschw\u00f6rungserz\u00e4hlungen, Hate Speech und Fake News. Wie sch\u00e4tzen Sie diese Form der Kommunikation eines US-Pr\u00e4sidenten ein und was bewirkte die letztendliche Sperrung der Social Media Kan\u00e4le Donald Trumps?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Auch ohne wirklich klar belastbare Daten zu haben, glaube ich, kann man den Einfluss Trumps nicht nur in der Verbreitung von Verschw\u00f6rungsnarrativen, sondern auch in der Mobilisierung nur schwer untersch\u00e4tzen. Verschw\u00f6rungsgl\u00e4ubige waren damit nicht mehr mehr oder weniger alleine der \u00dcbermacht der korrupten Weltregierung gegen\u00fcbergestellt, sondern hatten einen m\u00e4chtigen Alliierten auf ihrer Seite. Das verschafft Gef\u00fchle der kollektiven Selbstwirksamkeit, das Gef\u00fchl \u201ees schaffen zu k\u00f6nnen\u201c. In der Forschung zu politischem Protestverhalten ist dieser Optimismus, wirklich etwas erreichen zu k\u00f6nnen, einer der bedeutendsten Faktoren f\u00fcr die Entscheidung zu politischem Aktivismus.<br>Nach allem was wir zu \u201eDeplatforming\u201c wissen, also dem Sperren von Nutzer*innenkonten, die Hate Speech und Desinformation verbreiten, l\u00e4sst sich nur sagen: es wirkt. Jeder Hasskommentar im Netz ist ein Puzzlest\u00fcck in dem, was wir deskriptive Normen nennen, also die normative Macht des Faktischen. Menschen orientieren sich daran, was andere vermeintlich machen, an dem was sie f\u00fcr normal halten. Jeder gel\u00f6schte Hasskommentar korrigiert dieses Zerrbild, es sei irgendetwas normal daran, sich so zu \u00e4u\u00dfern.<br><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"576\" src=\"https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Folie5-1024x576.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3466\" srcset=\"https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Folie5-1024x576.jpg 1024w, https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Folie5-300x169.jpg 300w, https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Folie5-768x432.jpg 768w, https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Folie5-150x84.jpg 150w, https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Folie5.jpg 1280w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><br><strong>Viele Menschen bezeichnen Verschw\u00f6rungsanh\u00e4nger*innen als \u201everr\u00fcckt\u201c, als \u201eIdiot*innen\u201c oder als \u201everloren\u201c. Wieso ist es in Ihren Augen wichtig, genau dies nicht zu tun?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Erstmal stimmt es empirisch nicht. Verschw\u00f6rungsglauben zeigt \u00fcberhaupt gar keinen Zusammenhang mit Intelligenz. Zum anderen ist es in meinen Augen ein politisches Ph\u00e4nomen, eine manich\u00e4ische Sicht auf die Welt, die ihre Anh\u00e4nger*innen dazu bringt, die vermeintlichen Verschw\u00f6rer*innen zu entmenschlichen und zu verdammen. Dem muss ich politisch entschieden widersprechen und mich mit der dahinterstehenden Ideologie auseinandersetzen. Die Titulierung als \u201everr\u00fcckt\u201c vermeidet das und suggeriert, dies sei nicht n\u00f6tig, weil die Betroffenen ja nicht im Vollbesitz ihrer geistigen Kr\u00e4fte seien. Zuletzt hat diese Gesellschaft ohnehin ein Problem mit der Stigmatisierung psychischer Krankheit; die Bezeichnung von gef\u00e4hrlichen Ideologien als eine solche ist sicherlich nicht geeignet, die dringend notwendige Destigmatisierung zu erreichen.<\/p>\n\n\n\n<p><br><strong>Pia Lamberty sagt in ihrem Buch, dass Fakten kaum dazu beitragen k\u00f6nnen, Verschw\u00f6rungsanh\u00e4nger*innen zum \u00dcberdenken ihrer Ansichten zu bringen. W\u00fcrden Sie dieser Aussage zustimmen? Wenn ja, was kann man, wenn Fakten nicht das richtige Mittel sind, dann tun \u2013 auch in Bezug auf Freund*innen und Familienangeh\u00f6rige?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Schwierigkeit mit den Fakten ist, dass wir \u2013 wenn wir an ihre Macht glauben \u2013 einem sehr naiven Verst\u00e4ndnis von Fakt unterliegen. Als w\u00e4re etwas einfach und unwidersprechlich wahr und das k\u00f6nne man einfach so sehen. So ist es ja aber nicht. Ich vertraue bestimmten Quellen wie Qualit\u00e4tsmedien und Wissenschaft, und deshalb vertraue ich der dort jeweils vorgeschlagenen Sicht auf die Welt. Wenn ich diese Quellen als korrupte Handlanger von Verschw\u00f6rer*innen sehe, tue ich das nat\u00fcrlich nicht und halte es stattdessen mit der Version der Dinge, die von \u201emeinen\u201c Medien vorgeschlagen wird. So kommen wir nat\u00fcrlich nicht gut ins Gespr\u00e4ch wenn ich sage \u201eDie Tagesschau sagt\u201c und mein Gegen\u00fcber erwidert \u201eJa, aber Russia Today sagt\u201c. Das ist auf dieser Ebene zu einem gewissen Grade auch unaufl\u00f6sbar.<br>Stattdessen hilft es, Fragen zu stellen, den Anderen ernst zu nehmen, in seinem oder ihrem Bed\u00fcrfnis, Ungerechtigkeiten aufzudecken, aber auch gemeinsam Inkonsistenzen in Verschw\u00f6rungsnarrativen oder die Motive derjenigen, die sie verbreiten, zu diskutieren. Man muss viel Zeit investieren wollen, lernt dabei vielleicht aber auch etwas \u00fcber sich, wenn man sich gemeinsam auf die Suche macht nach einer Antwort auf die Frage, wie wir eigentlich \u00fcberhaupt ein gemeinsames Verst\u00e4ndnis davon, wie die Welt ist, entwickeln k\u00f6nnen.<br><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"576\" src=\"https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Folie6-1024x576.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3467\" srcset=\"https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Folie6-1024x576.jpg 1024w, https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Folie6-300x169.jpg 300w, https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Folie6-768x432.jpg 768w, https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Folie6-150x84.jpg 150w, https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Folie6.jpg 1280w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><br><strong>Immer wieder h\u00f6rt man, dass es leider keine Seltenheit sei, dass Menschen, die sich kritisch mit Verschw\u00f6rungsglauben auseinandersetzen, bedroht werden. Sie forschen seit vielen Jahren auf diesem Gebiet. Wie gehen Sie mit Anfeindungen und Bel\u00e4stigungen um?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich lasse das nicht sehr an mich heran, muss aber auch ehrlicherweise sagen, dass ich mit vergleichsweise harmlosen Dingen konfrontiert bin. Mal mit Erkl\u00e4r-DVD, was am 11.09.2001 wirklich geschehen sei, mal mit mehrseitigen handschriftlichen Elaboraten oder YouTube Videos, die \u201eaufdecken\u201c, dass ich der Doktorvater von Pia Lamberty sei und ergo also alles mit allem zusammenh\u00e4nge. Frau Lamberty hat dort deutlich mehr Aggression abbekommen. Einerseits hat sie sich in der Pandemie dankenswerterweise sehr bereitwillig gezeigt, Medien als Interviewpartnerin zur Verf\u00fcgung zu stehen und stand deswegen ganz anders in der \u00d6ffentlichkeit. Andererseits ist sie \u2013 und das sagen zu m\u00fcssen ist der eigentliche Skandal \u2013 eine Frau. Frauen in der \u00d6ffentlichkeit sind h\u00e4ufig sehr viel gr\u00f6\u00dferen Anfeindungen ausgesetzt, sie werden als besonders verkommen und korrupt diffamiert.<\/p>\n\n\n\n<p><br><strong>Was w\u00fcnschen Sie sich f\u00fcr \u00f6ffentliche Debatten \u00fcber Verschw\u00f6rungserz\u00e4hlungen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Eigentlich w\u00fcnsche ich mir am meisten eine gro\u00dfe Offenheit f\u00fcr Fehler. Wissenschaftlicher Fortschritt basiert darauf, dass alle Einsichten immer nur vorl\u00e4ufig sind, bis sie spezifiziert oder korrigiert werden. Diese Bereitschaft, im Lichte besserer Evidenz die Ansicht zu \u00e4ndern, fehlt mir h\u00e4ufig im gesellschaftlichen Diskurs \u2013 nicht nur bei Verschw\u00f6rungsgl\u00e4ubigen. Auch ich sehe mich manchmal in eine Position gedr\u00e4ngt, mit autorit\u00e4ren Reflexen zu reagieren und zum Beispiel auf Autorit\u00e4t der Wissenschaft oder der \u00f6ffentlich-rechtlichen Medien zu pochen. Dieser autorit\u00e4re Reflex hilft aber gar nicht, und es ist auch eine denkbar schlechte Kr\u00fccke zu behaupten, etwas muss stimmen, weil Frau Merkel oder der \u201eSpiegel\u201c es gesagt haben. Statt darauf zu pochen, was stimmt, sollten wir alle lieber neugierig sein, wie es genau ist und wie wir belastbare Evidenz daf\u00fcr finden k\u00f6nnen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit 2015 ist Roland Imhoff Professor f\u00fcr Sozial- und Rechtspsychologie an der Johannes Gutenberg-Universit\u00e4t Mainz. Zu seinen Forschungsschwerpunkten geh\u00f6ren unter anderem Verschw\u00f6rungsmentalit\u00e4ten. Mit ihm sprachen wir \u00fcber das Ph\u00e4nomen Verschw\u00f6rungserz\u00e4hlungen und die Bedeutung von sozialen Medien sowie Krisensituationen f\u00fcr deren Verbreitung. Interview: Dr. Cornelia Dold &amp; Janika Schiffel | April&#8230;<\/p>\n<p> <a class=\"continue-reading-link\" href=\"https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/index.php\/projekte-ausstellungen\/projekte\/das-hde-im-gespraech-mit\/prof-dr-roland-imhoff\/\"><span>Weiterlesen<\/span><i class=\"crycon-right-dir\"><\/i><\/a> <\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"parent":1840,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"episode_type":"","audio_file":"","podmotor_file_id":"","podmotor_episode_id":"","cover_image":"","cover_image_id":"","duration":"","filesize":"","filesize_raw":"","date_recorded":"","explicit":"","block":"","ngg_post_thumbnail":0,"_price":"","_stock":"","_tribe_ticket_header":"","_tribe_default_ticket_provider":"","_tribe_ticket_capacity":"0","_ticket_start_date":"","_ticket_end_date":"","_tribe_ticket_show_description":"","_tribe_ticket_show_not_going":false,"_tribe_ticket_use_global_stock":"","_tribe_ticket_global_stock_level":"","_global_stock_mode":"","_global_stock_cap":"","_tribe_rsvp_for_event":"","_tribe_ticket_going_count":"","_tribe_ticket_not_going_count":"","_tribe_tickets_list":"[]","_tribe_ticket_has_attendee_info_fields":false,"footnotes":"","_tec_slr_enabled":"","_tec_slr_layout":""},"class_list":["post-3457","page","type-page","status-publish","hentry"],"ticketed":false,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/3457","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3457"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/3457\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3470,"href":"https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/3457\/revisions\/3470"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/1840"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3457"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}