{"id":3097,"date":"2021-01-06T13:17:20","date_gmt":"2021-01-06T12:17:20","guid":{"rendered":"https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/?page_id=3097"},"modified":"2021-04-19T12:23:05","modified_gmt":"2021-04-19T10:23:05","slug":"miriam-bress","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/index.php\/projekte-ausstellungen\/projekte\/das-hde-im-gespraech-mit\/miriam-bress\/","title":{"rendered":"Im Gespr\u00e4ch mit &#8230; Miriam Bre\u00df"},"content":{"rendered":"\n<p>&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Miriam Bre\u00df erforscht im Rahmen ihrer Promotion die Schutzhaftpraxis in der Pfalz zu Beginn der nationalsozialistischen Diktatur. Mit ihr sprachen wir \u00fcber ihr Promotionsthema und die Vermittlung von Forschungsergebnissen \u00fcber Social Media Kan\u00e4le wie Twitter.<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Interview: Dr. Cornelia Dold &amp; Janika Schiffel | Dezember 2020<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-media-text alignwide is-stacked-on-mobile has-very-light-gray-background-color has-background\" style=\"grid-template-columns:37% auto\"><figure class=\"wp-block-media-text__media\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"768\" src=\"https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/BressMiriam1-2-1024x768.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3103\" srcset=\"https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/BressMiriam1-2-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/BressMiriam1-2-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/BressMiriam1-2-768x576.jpg 768w, https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/BressMiriam1-2-1536x1152.jpg 1536w, https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/BressMiriam1-2-2048x1536.jpg 2048w, https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/BressMiriam1-2-150x113.jpg 150w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure><div class=\"wp-block-media-text__content\">\n<p><br><strong>Zur Person<\/strong><br>Miriam Bre\u00df absolvierte ein Bachelor-Studium der Sozialen Arbeit an der Hochschule RheinMain in Wiesbaden sowie der Geschichte an der Johannes Gutenberg-Universit\u00e4t Mainz. Hier schloss sie anschlie\u00dfend das Masterstudium in Geschichte und Erziehungswissenschaften ab. Gef\u00f6rdert von der Hans-B\u00f6ckler-Stiftung promoviert Miriam Bre\u00df zur Schutzhaftpraxis 1933\/34 in der Pfalz. Regelm\u00e4\u00dfig nutzt sie <a href=\"https:\/\/twitter.com\/MiliMutz\">Twitter<\/a>, um \u00fcber das Forschungsthema zu informieren.<\/p>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<p>&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sie promovieren momentan zur Schutzhaftpraxis 1933\/34 in der Pfalz. Was genau verbirgt sich hinter Ihrem Forschungsschwerpunkt und wie sind Sie zu diesem Thema gekommen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Durch die \u201eVerordnung des Reichspr\u00e4sidenten zum Schutz von Volk und Staat\u201c (die sogenannte \u201eReichstagsbrandverordnung\u201c) vom 28. Februar 1933 wurden Grundrechte, wie das Recht auf pers\u00f6nliche Freiheit, au\u00dfer Kraft gesetzt. Verhaftungen au\u00dferhalb der Strafhaft, Untersuchungshaft und der klassischen Polizeihaft waren dadurch m\u00f6glich. Diese Haft, die aufgrund der Suspendierung des Grundrechts der pers\u00f6nlichen Freiheit im Kriegs- beziehungsweise Ausnahmezustand erfolgen konnte, wurde bereits seit dem Ersten Weltkrieg \u201eSchutzhaft\u201c genannt. Das NS-Regime weitete die \u201eSchutzhaft\u201c erheblich aus, versch\u00e4rfte sie nachdr\u00fccklich und machte sie zu einem wesentlichen Herrschaftsinstrument. Reichsweit setzten seit Inkrafttreten der Verordnung Massenverhaftungen ein. Betroffen waren von diesen laut aktuellen Sch\u00e4tzungen allein im M\u00e4rz und April 1933 etwa 40.000 bis 50.000 M\u00e4nner und Frauen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich untersuche die Praxis der \u201eSchutzhaft\u201c in der Pfalz. Mein Untersuchungszeitraum erstreckt sich dabei von der Aufhebung des Grundrechts Ende Februar 1933 bis Mitte April 1934, als erstmals versucht wurde, die \u201eSchutzhaft\u201c reichseinheitlich zu regeln. Zuvor war sie, als eine Art Polizeihaft, L\u00e4ndersache. F\u00fcr meine Forschung interessieren mich vor allem die Fragen: Wer wurde verhaftet? Welche Funktionen hatten die Verhaftungen? Wer war f\u00fcr die Verhaftungen zust\u00e4ndig? Wer f\u00fchrte sie aus? Die Pfalz ist dabei ein interessantes Untersuchungsgebiet, weil sie die \u201aProvinz\u2018 darstellt. Hier sieht man, wie vor Ort \u2013 weit entfernt von Berlin und M\u00fcnchen \u2013 Verfolgungen \u201agestaltet\u2018 wurden.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-style-default\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"576\" src=\"https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/Header1-1-1024x576.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3106\" srcset=\"https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/Header1-1-1024x576.jpg 1024w, https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/Header1-1-300x169.jpg 300w, https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/Header1-1-768x432.jpg 768w, https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/Header1-1-150x84.jpg 150w, https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/Header1-1.jpg 1280w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Zum Thema selbst bin ich klassisch durch viele \u201aZuf\u00e4lle\u2018 gekommen. Im Erststudium hatte ich das Gl\u00fcck ein zweisemestriges Studienprojekt von Prof. Karlheinz Schneider, dem damaligen Vorsitzenden des Aktiven Museums Spiegelgasse in Wiesbaden, zu \u201eErinnerungskultur\u201c belegen zu k\u00f6nnen. Als ich 2009 \u00fcber ein Thema f\u00fcr meine erste B.A.-Arbeit, die ich bei ihm verfasste, nachdachte, erfuhr ich von der Gr\u00fcndung des F\u00f6rdervereins \u201eGedenkst\u00e4tte f\u00fcr NS-Opfer e.V.\u201c in Neustadt an der Weinstra\u00dfe. Infolge kam ich mit dem Vorsitzenden des F\u00f6rdervereins, Eberhard Dittus, in Kontakt, verfasste meine B.A.-Arbeit zur \u201eErinnerungskultur in Neustadt\u201c und war l\u00e4ngere Zeit im Verein aktiv. Als ich mit dem Geschichtsstudium anfing, widmete ich mich allerdings erst einmal anderen Themen, wie der \u201eJudenz\u00e4hlung\u201c im Ersten Weltkrieg und der Verfolgung von Transidenten in den 1930er-Jahren in Hamburg. Letztlich waren es private Gr\u00fcnde, die 2016\/2017 ausschlaggebend waren, ein pf\u00e4lzisches Thema aus all den \u00fcberlegten m\u00f6glichen Masterarbeitsthemen zu w\u00e4hlen und damit zum (fr\u00fchen) Konzentrationslager Neustadt, das ja auch schon bei meiner ersten B.A.-Arbeit eine Rolle spielte, zur\u00fcckzukommen. Bei der Bearbeitung meiner Masterarbeit zum Lager fiel dabei immer wieder auf, dass ein gro\u00dfer Teil der Gefangenen vor ihrer Verbringung in das Lager oder im Zuge der Lageraufl\u00f6sung in Gerichtsgef\u00e4ngnissen war. Auch fiel auf, dass bei ihrer Verfolgung viele Institutionen, Beh\u00f6rden und auch Privatpersonen mitwirkten. Ich wollte mich daher mit dem Instrument besch\u00e4ftigen, das die Verhaftungen m\u00f6glich machte \u2013 auch, um die Involvierung von unterschiedlichen Personen(-gruppen) in die Schutzhaftma\u00dfnahmen n\u00e4her zu beleuchten.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Welche Erkenntnisse haben Sie bisher \u00fcber die Schutzhaftpraxis in der Pfalz in den ersten Jahren der NS-Diktatur gewonnen? Gibt es Merkmale, die spezifisch f\u00fcr diese Region sind?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Zu Beginn der Untersuchung ging ich \u2013 r\u00fcckblickend sehr naiv \u2013 davon aus, dass in meinem Untersuchungszeitraum (Februar 1933 bis April 1934) circa 900 M\u00e4nner und Frauen in der Pfalz in \u201eSchutzhaft\u201c waren. Mittlerweile sind mir fast 2.600 Schutzhaftgefangene namentlich bekannt, wobei von einer hohen Dunkelziffer ausgegangen werden muss. Allein in den ersten Wochen nach der Macht\u00fcbernahme 1933 wurden \u00fcber 1.000 M\u00e4nner und Frauen in der Pfalz in \u201eSchutzhaft\u201c genommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auffallend ist, dass es sich bei den Schutzhaftgefangenen nicht einmal im Ansatz prim\u00e4r um parteipolitische Gegner und Gegnerinnen aus der Arbeiterbewegung (KPD, SPD, SAP) handelt, auch wenn sie im M\u00e4rz\/April 1933 die gr\u00f6\u00dfte Gruppe unter den Schutzhaftgefangenen stellten. Betroffen von Verhaftungen mittels der \u201eSchutzhaft\u201c waren von Beginn an vor allem auch J\u00fcdinnen und Juden. Zahlreiche M\u00e4nner und Frauen kamen zudem in \u201eSchutzhaft\u201c, weil sie NS-Ma\u00dfnahmen \u201asabotierten\u2018 oder sich negativ zum NS \u00e4u\u00dferten. Dies umfasste zum Beispiel \u00c4u\u00dferungen gegen f\u00fchrende Nationalsozialisten, aber auch die Verweigerung eines erpressten Gehaltsverzichts. Weiterhin wurden viele Personen in \u201eSchutzhaft\u201c genommen, die als \u201eSeparatisten\u201d und \u201eFranzosenfreunde\u201d galten. Durchg\u00e4ngig \u2013 allerdings mit klarem Schwerpunkt im Juni 1933 \u2013 waren auch M\u00e4nner und Frauen aus dem katholischen Milieu (unter anderem Zentrums\/BVP-Politiker, Pfalzwachtmitglieder und katholische Geistliche) von Inschutzhaftnahmen betroffen. Letztlich richtete sich im M\u00e4rz und im Juni die \u201eSchutzhaft\u201c auch gegen den \u201eStahlhelm\u201c, insbesondere aufgrund eines Streites zwischen diesem und der SA\/SS um freigewordene Stellen. Stark vereinzelt befanden sich wegen interner Konflikte auch immer wieder SA\/SS-M\u00e4nner in \u201eSchutzhaft\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine weitere wichtige Erkenntnis ist die der breiten Zusammenarbeit bei den Inschutzhaftnahmen. Die Verh\u00e4ngung der \u201eSchutzhaft\u201c lag in der Zust\u00e4ndigkeit der Bezirks\u00e4mter beziehungsweise der Polizeidirektionen und Staatspolizei\u00e4mter, die durch sogenannte SA-Sonderkommissare erg\u00e4nzt wurden. Diese setzten nicht nur die Anweisungen des Bayerischen Innenministeriums beziehungsweise der Bayerischen Politischen Polizei zu Inschutzhaftnahmen bestimmter Personengruppen um, sondern dehnten die Bestimmungen auch selbstst\u00e4ndig aus eigenem Interesse aus. Ein besonderes Beispiel hierzu ist die Polizeidirektion Kaiserslautern, die beispielsweise \u201eHolzfrevel\u201c mit \u201eSchutzhaft\u201c ahndete. Letztlich f\u00fchlten sich viele Personen \u2013 Parteimitglieder und nicht Parteimitglieder \u2013 berufen, die \u201eSchutzhaft\u201c zu nutzen. So wurde die Drohung mit \u201eSchutzhaft\u201c, dem (fr\u00fchen) Konzentrationslager Neustadt und dem Konzentrationslager Dachau Alltag.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-style-default\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"576\" src=\"https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/Header2-1024x576.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3107\" srcset=\"https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/Header2-1024x576.jpg 1024w, https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/Header2-300x169.jpg 300w, https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/Header2-768x432.jpg 768w, https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/Header2-150x84.jpg 150w, https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/Header2.jpg 1280w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Generell sind Vergleiche mit anderen Regionen aufgrund der Forschungslage schwierig. Die Schutzhaftpraxis in Bayern 1933\/1934 gilt ja als besonders ausufernd. Unklar ist meines Erachtens schon hier, ob dies tats\u00e4chlich so war oder einem internen Konflikt zu viel Wert beigemessen wurde. Dies m\u00fcssten weitere Forschungen kl\u00e4ren. Bez\u00fcglich Bayerns wird die Pfalz im M\u00e4rz\/April 1933 als der bayerische Regierungsbezirk genannt, in dem die \u201eSchutzhaft\u201c am radikalsten angewandt und ausgeweitet wurde. Anfang 1934 hingegen galt die Pfalz als der Regierungsbezirk mit den wenigsten Inschutzhaftnahmen. Welchen Wert dies hat, ist eine andere Frage, denn \u201eSchutzhaft\u201c wurde 1933\/1934 immer \u201awellenf\u00f6rmig\u2018 angewandt. Sprich: Phasen von extremer Anwendung folgten immer wieder Phasen, in denen es kaum zu Inschutzhaftnahmen kam. Spezifisch f\u00fcr die Pfalz wird letztlich wohl vor allem sein, dass sich aufgrund der Grenzlage und der pf\u00e4lzischen Geschichte viele Verfolgungen mit dem Vorwurf des \u201eSeparatismus\u201c nach au\u00dfen legitimieren lie\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Auch Antisemitismus war h\u00e4ufig eng mit der Schutzhaftpraxis in der Fr\u00fchphase der NS-Diktatur verbunden. Was konnten Sie diesbez\u00fcglich bisher herausfinden?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Lange ging man ja davon aus, dass J\u00fcdinnen und Juden in den ersten Jahren des NS-Regimes nur in die (fr\u00fchen) Konzentrationslager verbracht worden waren, wenn sie parteipolitisch aktiv waren. Sie also als parteipolitische Gegnerinnen und Gegner und nicht aufgrund des Antisemitismus ihrer Verfolger und Verfolgerinnen in solche verschleppt wurden. Diese Darstellungen haben bereits einige neuere Studien, insbesondere die Studie von Kim W\u00fcnschmann \u201eBefore Auschwitz\u201c, revidiert. In der Pfalz waren wohl circa 5% der Schutzhaftgefangenen j\u00fcdisch beziehungsweise galten ihren Verfolgern als j\u00fcdisch. Allein im fr\u00fchen Konzentrationslager Neustadt, das im M\u00e4rz\/April 1933 \u2013 also in der ersten Hochphase des antisemitischen Boykotts \u2013 bestand, waren circa 12% der Schutzhaftgefangenen j\u00fcdisch. Auffallend ist insgesamt, dass es bei der antisemitischen Verfolgung starke regionale Unterschiede gab. Wo viele Menschen die NSDAP w\u00e4hlten, wurden bereits 1933 viele J\u00fcdinnen und Juden verfolgt. Zahlreiche Personen hatten dabei ihr eigenes Interesse in die Verfolgungen flie\u00dfen lassen. So nutzte beispielsweise ein Kaiserslauterer Rechtsanwalt die \u201eSchutzhaft\u201c um gegen seine j\u00fcdischen Kollegen vorzugehen, ein Neustadter Ehepaar ging mit der \u201eSchutzhaft\u201c gegen ihren j\u00fcdischen Vermieter vor und Landwirte sorgten f\u00fcr die \u201eSchutzhaft\u201c von j\u00fcdischen Viehh\u00e4ndlern. Letztlich wurden j\u00fcdische Schutzhaftgefangene, vor allem im (fr\u00fchen) Konzentrationslager Neustadt, aufgrund des Antisemitismus ihrer Verfolger schwer misshandelt. Einige j\u00fcdische Schutzhaftgefangene \u00fcberlebten ihre Verfolgung 1933\/1934 nicht. So starb der Neustadter Sigmund Farnbacher infolge seiner Misshandlung im (fr\u00fchen) Konzentrationslager Neustadt im April 1933.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Warum haben Sie sich f\u00fcr einen regionalgeschichtlichen Schwerpunkt entschieden und worin sehen Sie dessen Gewinn?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wie bereits geschildert, ist eine Themenfindung\u2013 wenn man durch ein Stipendium ohne vorgegebenen Themenschwerpunkt promovieren kann \u2013 vielen \u201aZuf\u00e4llen\u2018 geschuldet. Das ausschlaggebende f\u00fcr ein regionales Thema war f\u00fcr mich bei meiner Masterarbeit, zu der die Promotion dann f\u00fchrte, n\u00fcchtern gesagt schlicht der Quellenzugang, da ich parallel meine Gro\u00dfmutter pflegte und keine Archivreisen quer durch Deutschland oder dar\u00fcber hinaus denkbar waren. Und das Landesarchiv Speyer ist ja zur Schutzhaftpraxis eine wahre Goldgrube.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-style-default\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"576\" src=\"https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/Header3-1024x576.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3109\" srcset=\"https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/Header3-1024x576.jpg 1024w, https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/Header3-300x169.jpg 300w, https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/Header3-768x432.jpg 768w, https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/Header3-150x84.jpg 150w, https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/Header3.jpg 1280w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Dass ich nach der Masterarbeit dann doch bei diesem Thema blieb und nicht wieder auf ein anderes \u201aWunschthema\u2018 umgeschwungen bin, liegt aber vor allem auch an den Potenzialen des Regionalen. Es ist oftmals noch das Bild verbreitet, dass die Provinz nur von Berlin aus gesteuert wurde. Parallel gibt es mittlerweile zahlreiche Forschungen, die zeigen, dass in der Provinz viele antisemitische Ma\u00dfnahmen beispielsweise vorangetrieben wurden. Die Frage, wie es passieren konnte, dass aus einer Demokratie eine Diktatur wurde, l\u00e4sst sich nicht beantworten, wenn man nicht auch das zahlreiche Mitwirken in der Provinz betrachtet. Der Nationalsozialismus wurde der deutschen Gesellschaft 1933 nicht \u201a\u00fcbergest\u00fclpt\u2018. Der Nationalsozialismus war Teil der Gesellschaft \u2013 auch der pf\u00e4lzischen Gesellschaft. Und gerade in der Pfalz sieht man auch, wie die Gesellschaft vor Ort die sogenannte \u201eVolksgemeinschaft\u201c durch In- und Exklusionen aktiv herstellte.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Auf Twitter sind Sie besonders aktiv und informieren Ihre Follower regelm\u00e4\u00dfig \u00fcber Ihre Forschung. Warum haben Sie sich gerade f\u00fcr diesen Informationsweg entschieden?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Vornweg: Ich bin keine Expertin f\u00fcr Social Media. Anfang 2018 hatte ich mir einen Twitter-Account erstellt, um die Debatten zum bayerischen Polizeiaufgabengesetz auch dort verfolgen zu k\u00f6nnen. Den Account nutzte ich aber lange nur passiv. Dass ich ihn seit circa April 2020 aktiv nutze, war schlicht der Corona-Pandemie geschuldet. Generell befinde ich mich momentan im letzten Jahr meiner Promotion, von der Finanzierung aus gesehen. Eigentlich wollte ich in diesem Jahr mein Thema auf Veranstaltungen, Seminaren und Workshops vorstellen und zur Diskussion stellen. Dies war durch die Corona-Pandemie nicht mehr m\u00f6glich. Auch fielen Archiv- und Bibliotheksbesuche mit anderen Doktorandinnen und Doktoranden fast vollst\u00e4ndig weg. Somit war auch kaum mehr ein Face-to-Face Austausch m\u00f6glich beziehungsweise stark eingeschr\u00e4nkt. Vor diesem Hintergrund habe ich angefangen meinen Twitter-Account auch aktiv zu nutzen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>H\u00e4ufig ist Social Media als \u201aFilterblase\u2018 oder \u201ainformationsleerer Raum\u2018 verschrien. Welche Vorteile kann eine Pr\u00e4senz und Wissensvermittlung \u00fcber Social Media Ihrer Meinung nach aber haben?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wie gesagt, ich bin keine Expertin f\u00fcr Social Media und kann daher die Frage auch nur als twitternde Laiin beantworten. Grunds\u00e4tzlich war ich \u00fcberrascht, wie viele Personen mir auf einmal folgten. Diese Personen haben \u2013 soweit ich das sehe \u2013 unterschiedliche Hintergr\u00fcnde: Es sind einige Historikerinnen und Historiker, einige Pf\u00e4lzerinnen und Pf\u00e4lzer sowie Frauen und M\u00e4nner, die sich politisch und gesellschaftlich engagieren, wobei es hierbei nat\u00fcrlich zahlreiche Schnittmengen gibt. Daraus sind einerseits einige Kontakte zu anderen Doktorandinnen und Doktoranden entstanden. Andererseits aber auch \u2013 womit ich \u00fcber Twitter zun\u00e4chst gar nicht gerechnet habe \u2013 zu Enkel- und Urenkelkindern von M\u00e4nnern und Frauen, die 1933\/1934 verfolgt worden sind.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Welche weiteren Projekte planen Sie derzeit?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe w\u00e4hrend der Promotion immer mal wieder Vortr\u00e4ge gehalten und diverse Aufs\u00e4tze verfasst. Insbesondere hat mich das Projekt \u201eVolksgemeinschaft in der Gauhauptstadt \u2013 Neustadt a. d. Weinstra\u00dfe und der Nationalsozialismus\u201c, das unter Leitung meines Doktorvaters PD Dr. Markus Raasch entstand, meine gesamte bisherige Promotionszeit begleitet. Dieses vielf\u00e4ltige Projekt \u2013 neben einem Handbuch umfasst es eine Ausstellung, ein Zeitzeug*innen-Archiv, ein digitales Schulbuch und ein Online-Lexikon \u2013 wurde just in diesen Tagen \u00f6ffentlich pr\u00e4sentiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun bin ich erstmals in der Situation, dass ich keine \u201eNebenprojekte\u201c habe und mich ausschlie\u00dflich auf meine Dissertation konzentrieren kann. Das ist einerseits ein seltsames Gef\u00fchl, weil Projektarbeit und der damit verbundene Austausch mit Anderen sehr bereichernd ist, andererseits neigt sich die Finanzierung meiner Promotion mittlerweile dem Ende zu, sodass ich mich neuen (gr\u00f6\u00dferen) Projekten erst wieder nach Abschluss der Dissertation widmen m\u00f6chte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Miriam Bre\u00df erforscht im Rahmen ihrer Promotion die Schutzhaftpraxis in der Pfalz zu Beginn der nationalsozialistischen Diktatur. Mit ihr sprachen wir \u00fcber ihr Promotionsthema und die Vermittlung von Forschungsergebnissen \u00fcber Social Media Kan\u00e4le wie Twitter. &nbsp; Interview: Dr. Cornelia Dold &amp; Janika Schiffel | Dezember 2020 Zur PersonMiriam Bre\u00df&#8230;<\/p>\n<p> <a class=\"continue-reading-link\" href=\"https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/index.php\/projekte-ausstellungen\/projekte\/das-hde-im-gespraech-mit\/miriam-bress\/\"><span>Weiterlesen<\/span><i class=\"crycon-right-dir\"><\/i><\/a> <\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"parent":1840,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"episode_type":"","audio_file":"","podmotor_file_id":"","podmotor_episode_id":"","cover_image":"","cover_image_id":"","duration":"","filesize":"","filesize_raw":"","date_recorded":"","explicit":"","block":"","ngg_post_thumbnail":0,"_price":"","_stock":"","_tribe_ticket_header":"","_tribe_default_ticket_provider":"","_tribe_ticket_capacity":"0","_ticket_start_date":"","_ticket_end_date":"","_tribe_ticket_show_description":"","_tribe_ticket_show_not_going":false,"_tribe_ticket_use_global_stock":"","_tribe_ticket_global_stock_level":"","_global_stock_mode":"","_global_stock_cap":"","_tribe_rsvp_for_event":"","_tribe_ticket_going_count":"","_tribe_ticket_not_going_count":"","_tribe_tickets_list":"[]","_tribe_ticket_has_attendee_info_fields":false,"footnotes":"","_tec_slr_enabled":"","_tec_slr_layout":""},"class_list":["post-3097","page","type-page","status-publish","hentry"],"ticketed":false,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/3097","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3097"}],"version-history":[{"count":11,"href":"https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/3097\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3474,"href":"https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/3097\/revisions\/3474"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/1840"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3097"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}