{"id":1681,"date":"2020-04-24T17:47:03","date_gmt":"2020-04-24T15:47:03","guid":{"rendered":"https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/?page_id=1681"},"modified":"2022-12-13T13:06:00","modified_gmt":"2022-12-13T12:06:00","slug":"navid-kermani","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/index.php\/unser-haus\/glaspavillon-streiter-fuer-demokratie\/navid-kermani\/","title":{"rendered":"Navid Kermani"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-media-text alignwide is-stacked-on-mobile\" style=\"grid-template-columns:46% auto\"><figure class=\"wp-block-media-text__media\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"730\" src=\"https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/13-Navid-Kermani-Foto-HalimDogan-AdW-Mainz-1024x730.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1683 size-full\" srcset=\"https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/13-Navid-Kermani-Foto-HalimDogan-AdW-Mainz-1024x730.jpg 1024w, https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/13-Navid-Kermani-Foto-HalimDogan-AdW-Mainz-300x214.jpg 300w, https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/13-Navid-Kermani-Foto-HalimDogan-AdW-Mainz-768x547.jpg 768w, https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/13-Navid-Kermani-Foto-HalimDogan-AdW-Mainz-150x107.jpg 150w, https:\/\/www.haus-des-erinnerns-mainz.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/13-Navid-Kermani-Foto-HalimDogan-AdW-Mainz.jpg 1494w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure><div class=\"wp-block-media-text__content\">\n<p class=\"has-normal-font-size\"><strong>geboren am 27. November 1967<br><br>deutsch-iranischer Schriftsteller und Publizist, der zahlreiche Preise und Auszeichnungen wie den Friedenspreis des deutschen Buchhandels (2015) erhalten hat<\/strong><\/p>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Foto: Halim Dogan<\/p>\n\n\n\n<br>\n\n\n\n<h3 class=\"has-background wp-block-heading\" style=\"background-color:#aec2d4\">Geschichte des Asylrechts<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"has-background\" style=\"background-color:#aec2d4\">Unter Asyl versteht man den Schutz von Migrant*innen durch ein aufnehmendes Land, das die Migration aus politischen, ethnonationalen, rassistischen oder religi\u00f6sen Gr\u00fcnden als alternativlos einsch\u00e4tzt. Zur Regelung des Verbleibs der Gefl\u00fcchteten entstand in Europa im 19. Jahrhundert das moderne Asylrecht. Notwendig wurde es, da in dieser Zeit immer mehr Menschen wegen Verfolgung ihr Land verlassen mussten. Besonders aufgrund den das 19. Jahrhundert pr\u00e4genden Ideen wie Nationalismus, Demokratie, Liberalismus und Sozialismus mussten viele Menschen, die f\u00fcr ihre Werte einstanden, aus ihrem Land fliehen.<br><br>Es entwickelten sich vor allem zwei verschiedene Arten der Aufnahme dieser Fl\u00fcchtlinge, die bis zum Ersten Weltkrieg verbreitet waren. Einerseits die Einwanderung ohne Pr\u00fcfung der Gr\u00fcnde. Besonders in Gro\u00dfbritannien und den USA war dies m\u00f6glich. Andererseits gab es \u201edie Gew\u00e4hrung eines spezifischen Rechtsstatus f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge\u201c. Wem dieser Status zugewiesen wurde, der konnte nicht mehr in das Herkunftsland ausgewiesen werden. Daf\u00fcr konnte der aufnehmende Staat fast frei \u00fcber die aufgenommene Person verf\u00fcgen. Der Grundsatz der Nicht-Auslieferung wurde w\u00e4hrend des 19. Jahrhunderts in verschiedenen westeurop\u00e4ischen Staaten auch in Auslieferungsgesetzen niedergeschrieben. Somit waren politische Fl\u00fcchtlinge meist sicher. In Ost- und Mitteleuropa herrschte jedoch eher ein asylfeindliches Klima und viele Gefl\u00fcchtete wurden ausgeliefert. Innerhalb des deutschen Bundes verstand man sich 1832 auf die gegenseitige Auslieferung von politischen Fl\u00fcchtlingen, die deutlich schneller als gew\u00f6hnliche Straft\u00e4ter \u00fcberf\u00fchrt wurden. Au\u00dferdem gab es zwischen Preu\u00dfen, Russland und \u00d6sterreich einen gegenseitigen Auslieferungsvertrag.<br><br>Mit dem Ersten Weltkrieg \u00e4nderte sich die Situation f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge in Europa stark. Generell wurden durch die russische Revolution und diverse Staatenbildungsprozesse in Ost- und S\u00fcdosteuropa viele Menschen dazu gezwungen, ihre Heimat zu verlassen.<br><br>Daher kam es in den aufnehmenden L\u00e4ndern zu Angst vor \u201a\u00dcberfremdung\u2018 und vor der \u00dcberlastung des Sozialstaats. Deutschland wurde zu einem der wichtigsten Ziele der etwa zehn Millionen Fl\u00fcchtlinge nach dem Ersten Weltkrieg. Mit dem \u201eDeutschen Auslieferungsgesetz\u201c wurde 1929 in Weimar erstmals das Asylrecht in Deutschland niedergeschrieben und garantierte somit politischen Fl\u00fcchtlingen Schutz in Deutschland. Mit der \u201aMacht\u00fcbernahme\u2018 der Nationalsozialisten war Deutschland jedoch nicht mehr offen f\u00fcr die Aufnahme von Gefl\u00fcchteten. Im Gegenteil noch dr\u00e4ngte das Regime viele Menschen ins Exil.<br><br>Nach dem Zweiten Weltkrieg erlebte Europa eine bis dahin noch unbekannte Art der Migrationsbewegungen. Um den vielen zehn Millionen Menschen auch rechtlich Schutz zu gew\u00e4hren, beinhaltete die Allgemeine Erkl\u00e4rung der Menschenrechte der Vereinten Nationen von 1948 auch das individuelle Asylrecht f\u00fcr im eigenen Land Verfolgte. Dieser Grundsatz fand jedoch selten auch den Weg in die nationalen Gesetzb\u00fccher der Mitgliedsstaaten. In Deutschland allerdings wurde im Grundgesetz Art. 16 erkl\u00e4rt, dass \u201epolitische Verfolgte\u201c das Asylrecht genie\u00dfen. Der Hintergedanke war hier vor allem, den Menschen aus der sowjetischen Besatzungszone Schutz zu bieten. Problematisch an der Formulierung war, und ist bis heute, dass nicht klar definiert ist, wer als politisch verfolgt gilt.<br><br>1993 trat eine Grundgesetz\u00e4nderung in Kraft, die unter anderem von Navid Kermani stark kritisiert wurde. Denn von nun an konnten Menschen, die aus verfolgungsfreien L\u00e4ndern kommen, oder durch sichere Drittstaaten fl\u00fcchten, zu welchen z.B. alle Nachbarl\u00e4nder Deutschlands z\u00e4hlen, in Deutschland kein Asyl beantragen. Somit wurde es vielen Menschen erschwert und teilweise fast unm\u00f6glich gemacht, Asyl zu erhalten.<br><br>Auch die Europ\u00e4ische Union bzw. ihr Vorg\u00e4nger ist und war sich im Thema Asylpolitik nicht einig. Sie beschr\u00e4nkte sich eher auf eine Grenzschutz- und Visapolitik, die Zuwanderung beschr\u00e4nkt. Seit 2013 gibt es jedoch ein Gemeinsames Europ\u00e4isches Asylsystem, das aber von den Mitgliedsstaaten unterschiedlich interpretiert wird.<\/p>\n\n\n\n<br>\n\n\n\n<p>Navid Kermani, dessen Eltern 1959 aus dem Iran in die Bundesrepublik einwanderten, wurde am 27. November 1967 in Siegen geboren. Er ist der vierte Sohn der Familie, sowohl sein Vater als auch seine drei Br\u00fcder sind praktizierende \u00c4rzte. Navid Kermani schlug jedoch eine andere Laufbahn ein: <strong>Er ist Schriftsteller, Publizist und Orientalist, der mit zahlreichen Kultur- und Literaturpreisen \u2013 so 2015 auch mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels \u2013 ausgezeichnet wurde<\/strong>.<\/p>\n\n\n\n<p>Bereits als Sch\u00fcler arbeitete Kermani als freier Mitarbeiter f\u00fcr die \u201eWestf\u00e4lische Rundschau\u201c, schrieb w\u00e4hrend seines Studiums dann f\u00fcr \u00fcberregionale deutsche Zeitungen: Zwischen 1996 und 2000 war er fester Autor im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Kermani studierte Orientalistik, Philosophie und Theaterwissenschaften in K\u00f6ln, Kairo und Bonn. 1998 wurde er im Fach Orientalistik an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universit\u00e4t in Bonn promoviert, 2006 folgte seine Habilitation. Heute lebt er als freier Schriftsteller in K\u00f6ln.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Kermani setzt sich nicht nur literarisch mit gesellschaftlich relevanten und aktuellen Fragestellungen auseinander, sondern bezieht auch in Reden und \u00f6ffentlichen Auftritten deutlich Stellung, wird zu einer Art \u201amoralischer Instanz\u2018.<\/strong> Bekannt wurde er so unter anderem als Reporter aus Krisengebieten, wie 2014 aus dem Irak. Ein Jahr sp\u00e4ter reiste er auf der sogenannten Balkanroute, einer Hauptfl\u00fcchtlingsroute. Am Ende dieser Reise entstand eine Reportage, die sich Fl\u00fcchtlingsschicksalen widmet: Sie gibt Menschen, die sich auf der Flucht befinden, eine Stimme und reflektiert zugleich die Rolle Europas in dieser Krise kritisch.<\/p>\n\n\n\n<p>Wohl am bekanntesten ist Navid Kermanis Rede zur Feierstunde \u201e65 Jahre Grundgesetz\u201c am 23. Mai 2014. An diesem Tag erinnerte der Deutsche Bundestag an die Verk\u00fcndung des Grundgesetzes am 23. Mai 1949. In seiner Festrede w\u00fcrdigte er die Bedeutung des Grundgesetzes, das in der Nachkriegszeit \u201eWirklichkeit geschaffen\u201c habe. Er lobte die Bundesrepublik Deutschland f\u00fcr ihre Integrationsbereitschaft, kritisierte zugleich jedoch auch die Einschr\u00e4nkungen des Asylrechts aus dem Jahr 1993. So sagte er in Bezug auf Artikel 16a des Grundgesetzes: <strong><em>\u201eAuch heute gibt es Menschen, viele Menschen, die auf die Offenheit anderer, demokratischer L\u00e4nder existentiell angewiesen sind. [\u2026] Andere ertrinken im Mittelmeer \u2013 j\u00e4hrlich mehrere Tausend [\u2026]. Deutschland muss nicht alle M\u00fchseligen und Beladenen der Welt aufnehmen; aber es hat gen\u00fcgend Ressourcen, politisch Verfolgte zu sch\u00fctzen, statt die Verantwortung auf die sogenannten Drittstaaten abzuw\u00e4lzen.\u201c<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>2015 erhielt Navid Kermani den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. In der <a href=\"http:\/\/www.friedenspreis-des-deutschen-buchhandels.de\/445651\/?mid=970671\">Begr\u00fcndung<\/a>&nbsp;hei\u00dft es: <strong><em>\u201eDer deutsche Schriftsteller, Orientalist und Essayist ist eine der wichtigsten Stimmen in unserer Gesellschaft, die sich mehr denn je den Erfahrungswelten von Menschen unterschiedlichster nationaler und religi\u00f6ser Herkunft stellen muss, um ein friedliches, an den Menschenrechten orientiertes Zusammenleben zu erm\u00f6glichen.\u201c <\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Gerade aufgrund seines Einsatzes f\u00fcr eine offene europ\u00e4ische Gesellschaft, die auf der Achtung der Menschenrechte und einem demokratischen Zusammenleben fu\u00dft, gilt Navid Kermani als \u201eStreiter f\u00fcr Demokratie\u201c. <strong>So regt er die kritische Auseinandersetzung \u00fcber Akzeptanz, Toleranz und Freiheit an, indem er alle Menschen mit ihren unterschiedlichen Biografien in den Blick nimmt.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><br><br><strong>Literaturhinweise<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Kermani, Navid: Der Einbruch der Wirklichkeit, in: Der Spiegel 42\/2015, URL: &lt;<a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/spiegel\/print\/d-139226803.html\">https:\/\/www.spiegel.de\/spiegel\/print\/d-139226803.html<\/a>&gt; [aufgerufen am 11.05.2020]. <\/p>\n\n\n\n<p>Kermani, Navid: Morgen ist da, C.H.Beck, M\u00fcnchen \u00b32020.<\/p>\n\n\n\n<p>Oltmer, Jochen (2017): Wie ist das Asylrecht entstanden?, &lt;URL: <a href=\"https:\/\/www.bpb.de\/themen\/migration-integration\/kurzdossiers\/224641\/wie-ist-das-asylrecht-entstanden\/\">https:\/\/www.bpb.de\/themen\/migration-integration\/kurzdossiers\/224641\/wie-ist-das-asylrecht-entstanden\/<\/a> &gt; [aufgerufen am 04.04.2022].<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>geboren am 27. 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